7 Dinge, die ich in 4 Jahren Neuanfang in Argentinien gelernt habe!

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Ich hatte ein angenehmes Leben. Hatte es geschafft, wie man so schön sagt. Zwei Studien auf Masterniveau mit Auszeichnung abgeschlossen und eine sichere (sprich unbefristete) Stelle in der Forschung.

Heutzutage beinahe ein kleines Wunder.

Freundin 21 und damit 12 Jahre jünger als ich. Ein Mädchen aus gutem (und vor allem gut situiertem) Haus. Liebevolles und stabiles Elternhaus. Die Eltern nach vielen Jahren immer noch glücklich verheiratet.

Ich selbst hatte keine Schulden, sondern Ersparnisse. Sowie auch sonst keinerlei Verpflichtungen.

Und das alles, nachdem ich mit 17 und damit vor der letzten Klasse des Gymnasiums von zu Hause ausgezogen war. Mit nicht viel mehr als 2 Taschen voller Kleidung. Kein Geld, keine fixe Unterkunft – zu Beginn oftmals nicht einmal etwas zu essen.

Viele Menschen hätten sich nach diesem holprigen Start über die erreichte Lebenssituation gefreut. Nicht wenige meiner Ex-Studienkollegen beneideten mich um sie.

Trotzdem war ich unzufrieden.

Fühlte mich eingeengt und unwohl. In meiner Haut. In meinem Leben.

Nach Monaten (oder Jahren) geprägt von Depressionen und Selbstzweifeln, sowie von unzähligen Versuchen der (Selbst)medikation, Therapie und Gesprächsrunden erkannte ich eines. Nämlich, dass es zu diesem Zeitpunkt nur 2 Optionen für mich gab.

Mit meinem bisherigen Leben weiterzumachen. Und zwar weiterzumachen bis zu meinem (unglücklichen) Ende. Oder den Hut drauf zu hauen und noch einmal ganz von vorne zu beginnen.

Ich entschied mich für Option 2.

In wenigen Wochen gab ich mein altes Leben auf. Arbeit, Freundin, Wohnung – alles aufgelöst. Besitz verkauft, verschenkt oder auf die Straße gestellt. Flugticket One-Way nach Argentinien gekauft und 100kg Kleidung in verschiedene Taschen und Koffer gestopft.

So stand ich eines frühen Sonntagmorgens am Wiener Nordbahnhof und zwei Tage später in Ezeiza in Buenos Aires. Ohne irgendwelche Kenntnisse – nicht über das Land, nicht über die Leute und schon gar nicht von der Sprache.

4 Jahre später habe ich nicht nur Spanisch, sondern genauso einiges über das Land und seine Einwohner gelernt. Vor allem aufgrund des Umstandes, dass ich hier immer noch keinen offiziellen Aufenthaltstitel besitze.

Sprich – ich habe alle klassischen Stationen eines (illegalen) Einwanderers hinter mir. Und das als Erste-Welt-Kind in einem Dritte-Welt-Land.

Und eines kann ich heute mit Gewissheit sagen: Es ist nicht leicht sich ein neues Leben aufzubauen, ohne die Möglichkeit auch nur eine Rechnung in einem Hotel zu unterschreiben. Zum Beispiel.

Oder einen Handyvertrag. Oder ein Flugzeug zu besteigen. Eine Wohnung zu mieten. Eigener Internetanschluss, eigenes Bankkonto, Krankenversicherung – alles Fehlanzeige.

Anmerkung: Und nein, ich reise nicht alle 3 Monate ein und aus. Und ich habe auch weder Visa noch Reisepass, da beides schon vor einiger Zeit abgelaufen ist.

Ich lebte in einer Residencia zusammen mit 20 venezolanischen Wirtschaftsflüchtlingen, in einer Wohngemeinschaft in La Boca oder in einem alten Herrschaftshaus im besten Viertel von Córdoba.

So war es wenigstens immer unterhaltsam, wenn schon nicht immer leicht.

Was ich in dieser Zeit aber vor allem auch gelernt habe, ist viel über mich und das (oder mein) Leben.

Welches die für mich wichtigsten Lektionen aus 4 Jahren Neuanfang in Argentinien sind, möchte ich in diesem Beitrag kurz zusammenfassen.

1. Halte nicht an Deiner Angst fest, sondern nutze sie, um zu wachsen:

Wie viele von uns haben Träume und Wünsche, welche sie jahrelang vor sich herschieben. Bis es irgendwann zu spät ist sie zu verwirklichen.

Der Hauptgrund warum Menschen sich niemals dazu überwinden können ihre Träume zu verwirklichen ist nichts weiter als Angst.

Angst vor dem Scheitern. Angst vor dem was-ist-wenn. Angst vor der Meinung anderer. Fehlendes Vertrauen in die eigenen Fertigkeiten und deren Stärke. Im Endeffekt alles dasselbe.

Fakt ist – solange Du Dich nicht auf die Probe stellst, wirst Du niemals wissen, wozu Du fähig bist. Also raus aus der Komfortzone der scheinbaren Sicherheit und rein ins Leben.

2. Go hard or go home:

Nachdem Du den Entschluss gefasst hast, etwas in Deinem Leben zu verändern, setze alles daran dieses Ziel zu verwirklichen.

Und wenn ich sage ALLES, dann meine ich auch ALLES.

Wie viele andere Ausländer habe ich hier schon gesehen, die gerne geblieben wären. Weil Argentinien doch so ein tolles Land ist. Weil sie endlich mehr Freiheit und weniger Zwang in ihrem Leben gehabt hätten. Hätte-Wäre-Würde…

Nur die allerwenigsten haben es geschafft.

Warum? Weil “ich würde gerne” nicht das gleiche ist wie “ich will”. Ich würde gerne ist immer noch die Traumphase. Ich will ist einen oder zwei Schritte weiter. Nämlich bei der Umsetzung.

Also höre auf am Abend in Deinem oder mit Deinen Freunden bei einem Glas Wein davon zu träumen, was Du nicht alles gerne machen würdest. Steh auf und geh den ersten Schritt in diese Richtungund zwar heute noch.

3. Wenn sich Dir eine Chance bietet – umklammere Sie mit beiden Armen:

In einem Land wie Argentinien ist es besser sich keine Chance entgehen zu lassen. Nicht die allerkleinste. Denn man weiß nie, was das nächste Jahr, der nächste Monat oder auch nur der nächste Tag bringen mag.

Egal ob es ein gutes Essen, eine Feier, ein romantisches Abenteuer oder ein Geschäft ist. Was jetzt ist, kann im nächsten Moment schon nicht mehr sein.

Falls sich Dir also eine Chance bietet, nutze sie. Und warte nicht darauf, dass sie vorbeigeht und die Phase des Bereuens beginnt.

Myriams-Fotos / Pixabay

4. Wenn Du etwas möchtest, geh raus und hol es Dir:

Niemanden interessiert, was Du gerne haben würdest.

Und weißt Du warum? Weil es jeden in erster Linie interessiert, was er gerne haben möchte.

Folglich wird jeder zuerst einmal auf sich schauen, bevor er sich über Dich und Deine Bequemlichkeiten überhaupt einmal Gedanken macht.

Falls Du also etwas willst, folge diesen Schritten: Aufstehen, rausgehen und alles tun, was notwendig ist, um es zu bekommen.

Anmerkung von meiner Seite: Aber nur solange Du damit niemand anderem Schaden zufügst.

5. Das Wichtigste im Leben sind echte Freunde:

Zugegeben: Ganz allein habe ich es auch nicht soweit geschafft. Ohne der Hilfe von ein paar sehr guten Freunden – sowohl von dort als auch von hier – wäre ich das ein oder andere Mal gescheitert.

Aber wer sagt denn, dass man alles allein schaffen muss. Hin- und wieder ist eine helfende Hand das Schönste, was Dir passieren kann. Oder das Schönste, was Du geben kannst.

Wichtig ist deshalb sich im Leben nur mit echten Menschen zu umgeben. Menschen, die Dich wirklich kennen und mögen. Denn nur auf diese ist in schwierigen Zeiten Verlass.

In Zeiten von Social-Media und der ständigen Jagd nach Anerkennung in Form von Likes, Herzen und den verschiedensten Formen von Emojis ein zugegebenerweise schwieriges Unterfangen.

Mein Rat: Vergiss die so asozialen sozialen Netzwerke und ihre Filterblase. Echte Freunde, echte Herausforderungen und das echte Leben findet außerhalb von dieser statt.

6. Dinge sind nichts weiter als Dinge:

In einem Land, in welchem das Anhäufen von Besitz für weite Teile der Bevölkerung unmöglich ist. Und alles, was einer in einem Leben aufgebaut hat, über Nacht in sich zusammenbrechen kann. In so einem Land hat Besitz einen ganz anderen Stellenwert.

Es ist erfrischend zu sehen, wie wenige Menschen hier ihre Zeit damit totschlagen Autos zu waschen, Rasen zu mähen oder das Haus zu dekorieren.

Was ist, das ist. Was verfällt, das verfällt. Was nicht mehr ist, das war eben mal. So hat man viel mehr Zeit für andere – und eventuell wesentlichere – Dinge.

Dir gefällt das nicht? Siehe Punkt 4. Was Du für erhaltenswert hältst, um das kümmere Du Dich.

Und verstehe mich nicht falsch: Besitz oder Konsum in einem gewissen und gesunden Rahmen ist überhaupt nichts Schlechtes. Ein schönes Kleidungsstück, ein hilfreiches Elektrogerät oder ein wohnliches Zuhause sind Dinge, welche das Leben bereichern und lebenswert machen. Falls Du diese Dinge auch wirklich brauchst, in Deiner derzeitigen Lebenssituation.

Das Anhäufen von Besitz mit dem Endzweck des Anhäufens ist allerdings ein Problem. Warum? Weil es Dich im Hamsterrad von Geld verdienen und Geld ausgeben gefangen hält.

Erkennen, was für Dich wirklich wichtig ist und Dich auf diese Dinge zu reduzieren ist hier also der Schlüssel. Dafür musst Du aber zuerst einmal

7. Erkennen wer Du bist und danach handeln:

Sei keine Mode. Sei nicht das, was populär ist. Sei nicht das, was die Werbung oder irgendein Influencer möchte, dass Du bist. Oder Deine Eltern. Dein Nachbar. Oder Deine “Freunde”.

Erkenne wer und was Du bist. Und dann lebe danach!

Alles andere ist Selbstbetrug, welcher dich auf kurz oder lang unglücklich, krank und vor allem alt macht.

Nicht der gesündeste Lebensentwurf. Und deshalb sollte es Deiner nicht sein. Nur so wirst Du auf lange Sicht glücklich werden. Und Dich nicht auf der konstanten Jagd nach kurzfristigen Glücksgefühlen abnutzen.

Fazit – was ich in 4 Jahren Neuanfang in Argentinien gelernt habe:

Wie es mir zurzeit geht mit meiner Lebenssituation? Vor allem in Kombination mit der derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Situation hier im Land?

Natürlich sind nicht alle Tage leicht. Es gibt viele Momente und Situationen, in welchen ich gerne alles hinschmeißen und in den sicheren Hafen Österreich zurückkehren würde. Oder auch in den „sicheren Hafen“ einer Festanstellung, eines geregelten Arbeitstages, einer Kranken- oder auch einer Pensionsversicherung.

Warum ich diesen Weg aber gewählt habe und trotz aller Widrigkeiten weitergehe?

Wie eingangs erwähnt, war ich viele Jahre unglücklich. Mit mir, meinem Leben, der Gesamtsituation. Ich fühlte mich gefangen in einer Situation, die mich nicht zufrieden stellte. Die nicht meine war.

Trotz allem kostete es mich etwas zu ändern.

Einerseits war es natürlich leichter in der bequemen Situation des Nicht-Akzeptierens und des Jammerns zu verharren. Den Umständen, der Ungerechtigkeit der Welt und der Alternativlosigkeit zu meiner Existenz die Schuld zuzuweisen. Und diese als Vorwand für meine Untätigkeit zu verwenden.

Ich hatte aber auch Gedanken wie, dass so viele Jahre Studium nicht umsonst sein dürfen. Wie viel ich in das Erreichen meiner damaligen Lebenssituation investiert hatte. Nicht nur Zeit, sondern vor allem auch Energie.

Doch was sind ein paar Jahre im Vergleich zu einem ganzen Leben? Wie viel ist Sicherheit wert im Vergleich zum persönlichen Wohlbefinden? Wie viel Geld muss man verdienen, um die eigene Gesundheit (sowohl psychisch als auch physisch) aufs Spiel zu setzen?

Unter der Berücksichtigung dieser Fragen war mein Entschluss irgendwann nur mehr ein logischer.

Und jetzt bin ich hier – und entgegen so mancher Wahrscheinlichkeit, oder auch entgegen der Erwartung vieler meiner ehemaligen Mitmenschen, habe ich bisher weder aufgegeben noch bin ich gescheitert.

Im Gegenteil: Mit jeder Schwierigkeit, mit jeder Krise – mit jedem Tag, jeder Woche und jedem Monat, wachse ich persönlich.

Weil ich mich unbekannten Situationen und Herausforderungen stellen muss. Weil ich mich andauernd selbst hinterfragen und anpassen muss. Weil es kein Sicherheitsnetz und kein bequemes Zurücklehnen, Abwarten und Tee trinken gibt.

Ist das gut so? Ja, das ist es. Weil es mir dabei hilft mich weiter zu entwickeln und zu dem zu werden, was ich sein soll. Dieses Gefühl habe ich zumindest. Ich sehe den Weg und vor allem, dass es der richtige ist.

Will ich irgendwann wieder nach Europa oder gar Österreich zurückkehren? Keine Ahnung, kann sein, denn sag niemals nie. Aber glauben tu ich es nicht. Viel zu sehr habe ich mich wohl sowohl körperlich als auch emotional schon von dieser Welt verabschiedet. Sodass ich ernsthaft bezweifle dort noch funktionieren zu können.

Aber ist ja auch nicht schlimm. Soll es doch im Leben darum gehen den eigenen Platz und die eigene Berufung zu finden. Oder etwa nicht?

Über den Autor Jeremy-James Peter: Geboren 1980 in Vorarlberg. Später Master in Pflanzenmolekularbiologie und Diplomingenieur in Pflanzenzüchtung in Wien. Während des Studiums reiste er viel und hatte erste eigene, kleine Unternehmungen. Nach dem Studium zuerst an der BOKU an dann kurz am AIT in der Forschung tätig. Mit 34 nach Südamerika (Argentinien) „ausgewandert“. Momentan widmet er sich diversen Online-Projekten wie einer Webseite zum Spanisch lernen und der Mitarbeit in einer SEO-Agentur, während er am Aufbau eigener Projekte vor Ort in Argentinien arbeitet.

   

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Jeremy James Peter

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Jeremy-James Peter – Ex-Österreicher und -Agrarwissenschaftler. Nach einer Zeit in der Forschung wollte er etwas Neues erleben und ist ohne Plan, Rückflugticket und Spanischkenntnisse nach Südamerika aufgebrochen.

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Ja, das passt natürlich ;-)

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Jeremy-James Peter – Ex-Österreicher und -Agrarwissenschaftler. Nach einer Zeit in der Forschung wollte er etwas Neues erleben und ist ohne Plan, Rückflugticket und Spanischkenntnisse nach Südamerika aufgebrochen.

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