Mythos Authentizität: Musst du wirklich authentisch sein?

Authentizität

Man hat den Eindruck, es gibt ein paar Dinge, die darfst du einfach nicht in Frage stellen. Das Thema „Authentizität“ gehört dazu.

Google spuckt auf der ersten Seite eine Reihe von Lobeshymnen aus, die dir alle eine Anleitung zum „authentisch sein“ liefern.

Offensichtlich ist das also eine Super-Sache.
Nur warum sollst du authentisch sein?
Was hast du davon?


Der Artikel zum hören:


Warum soll ich „authentisch sein“ lernen?

Zu aller erst müssen wir mal davon ausgehen, dass du und ich nicht authentisch sind.

Sonst bräuchte es nicht so viele Anleitungen und dir würden nicht tausenden Coaches, Trainer und Persönlichkeitsentwicklungs-Fuzzis pausenlos vorbeten, dass du authentisch sein sollst.

Denn ohne authentisch sein wird das nix mit Glück, Erfolg, Zufriedenheit, Ziele erreiche und so weiter.

Heutzutage machen wir nichts mehr ohne uns eine Resultat zu erwarten:

  • Niemand geht zu einem Tennis-Lehrer und will danach nicht gut Tennis spielen können.
  • Niemand geht zu einem Business-Coach und will nicht zig tausende Euro in Null-komma-nix verdienen
  • Niemand liest ein Buch über Erfolg und will nicht erfolgreich sein.

Wir sind so programmiert. Das Hamsterrad hat dir gelehrt, dass bei jeder Tätigkeit immer was rausschauen muss.

Liefern deine Bemühungen keine Ergebnisse, sind sie nichts wert.

Also mutmaße ich jetzt mal, dass auch die Kiste mit der Authentiztät ein Ziel hat.

Kaum jemand geht zwar auf dieses „Warum“ ein, alle sagen nur „Mach einfach“!

Vermutlich sollen wir das machen um – du ahnst es schon – erfolgreich und glücklich zu werden.

Somit stelle ich mir schon mal die erste kritische Frage:

Bist du noch authentisch, wenn du nur authentisch bist, um XYZ zu erreichen?

Ich glaube nicht.

authentisch sein

 

Was macht dich authentisch?

Fragen wir mal die Wikipedia:

Die Sozialpsychologen Michael Kernis und Brian Goldman unterscheiden vier Kriterien, die erfüllt sein müssen, damit man sich selbst als authentisch erlebt

Diese vier Kriterien sind (Vorsicht meine Interpretation ist inkludiert):

  • Bewusstsein – also die eigenen Stärken und Schwächen kennen, Selbsterkenntnis, Selbstreflexion, die eigenen Motive und Gefühle kennen (dazu weiter unten mehr)
  • Ehrlichkeit – nicht „ehrlich sein“ ist gemeint, sondern „ehrlich zu sich selbst sein“, also sich nicht selbst zu finden, sondern sich mit sich selbst abzufinden
  • Konsequenz – hier geht es um seine Überzeugungen leben und Integrität zu zeigen
  • Aufrichtigkeit – das Zeigen des wahren Selbst nach außen, sodass sich keine Dissonanz zwischen innen und außen entwickelt

Ok, das hat ja alles Hand und Fuß und es gibt noch keine Gründe das nicht anzustreben.

Die nächste Frage:

Wie kann jemand anderer (ein Wissenschafter, ein Blogger, ein Ich-weiß-alles-Coach) wissen, wie du authentisch bist?

Kann man „authentisch sein“ in Gebote packen und dem ersten Hipster der Geschichte (Moses) in Stein meißen lassen?

Ich glaube nicht.

Bleiben wir weiter gemeinsam in unserer „entfant terrible“-Denken: Das nächste Problem der „Authentizität“ folgt sogleich.

Wo sind die Grenzen – wie authentisch sollst du sein?

Im Buch „Die Kunst des guten Lebens“ von Rolf Dobelli zeigt der Autor mit einer amüsanten Story auf, dass wir eigentlich gar keine authentischen Menschen mögen.

Wir mögen nur die Art von authentische Menschen, wenn wir mit ihrer Art der „Authentizität“ gleich schwingen.

Denn wenn Menschen eine authentisches Verhalten an den Tag legen, dass dir gar nicht behagt, dann empfindest du Authentiztät nicht mehr als super, erstrebenswert oder sympathisch. Du findest das Verhalten blöd.

Also sollten wir nicht Authentiziät an sich glorifizieren.

authentisch ego

Authentisch sein ist ein Ego-Trip

Ui, gefärliches Terrain.

Wenn authentisch sein bedeutet, du sollst in jeder Situation „du selbst sein“ dann könnte das Leben anstrengend werden.

Für dich und für alle Menschen rund um die herum.

Und wenn nicht nur du, sondern auch alle anderen Menschen pausenlos „sie selbst sind“ und „ihre Gefühle leben“ dann haben wir bald echtes Chaos.

Wenn mal so rumschmökert, kommen rund um das Thema Authentizität immer wieder folgende Aussagen

  • Die eigenen Gefühle leben
  • Sich selbst kennen
  • den eigenen Weg gehen
  • sich nicht bremsen lassen, was andere denken
  • Nein sagen lernen

Ich könnte jetzt böse sein und behaupten: Beim authentisch sein, geht’s eigentlich nur um dich.

Ist eine reine Ego-Kiste. Alles ein wenig selbstherrlich oder?

Auch hier haben die letzten hundert Jahre Persönlichkeitsentwicklung ganze Arbeit geleistet.

Es geht immer nur um DICH.

(Kleiner Hinweis was uns internationale Glücksforschungen immer wieder mitteilen: Selbstverwirklichung, Erfolg & Co sind keine Faktoren, die dich glücklich machen)

Nächste, vielleicht dumme Frage: Wie erstrebenswert ist den Authentizität überhaupt, wenn sie die anderen Menschen ausklammert?

Als Kinder waren wir noch komplett authentisch

  • Kinder lassen alles raus: Freude, Unmut, Zorn, Angst, Begeisterung etc. Also die gesamte Palette an menschlichen Gefühlen
  • Kinder sind oftmals zutiefst egoistisch, weil sie einfach noch kein Gefühl haben, dass es auch andere Menschen auf dem Planeten gibt, die nicht zu 100% ihre Begeisterung oder ihre Ablehnung für eine bestimmte Sache teilen.
  • Kinder agieren unvorhersehbar und spontan.
  • Kinder sagen die ungeschminkte Wahrheit
  • Kinder sind sehr rücksichtslos, wenn sie etwas haben wollen.
Passender Artikel:  5 Gründe warum du nicht bekommst, was du willst

Und ja, Kindern lassen wir weitgehend diese Spielarten an Authentizität durchgehen, weil sie ja Kinder sind.

Nur wenn Erwachsene so agieren würden, wäre das nicht nur befremdlich, es wäre undenkbar.

Daher stehen die sozialen Konventionen („das gehört sich so“) meistens über der individuellen Authentizität.

Natürlich werden viele Konventionen immer wieder gebrochen, wobei wir jetzt wieder beim Punkt „Finde ich das authentisch sein von XY gut oder blöd“ sind.

authentisch sein du selbst sein

Warum du deiner Authentizität misstrauen solltest: Die Sache mit dem „du selbst sein“.

„Die Selbstbeobachtung unserer momentanen Empfindungen ist fehlerhaft, unzuverlässig und irreführend – nicht nur zufällig falsch, sondern massiv und stetig falsch. Ich glaube nicht, dass es nur in mir drin dunkel ist, sondern in allen Menschen“
Eric Schwitzgebel, Professor für Philosphie, Stanford

Puh, das ist aber jetzt starker Tobak. Will uns dieser Satz (der immerhin von einem Stanford-Professor stammt) sagen, dass die ganzen Bestrebungen sich selbst kennen zulernen, also diese ganze Selbsterkenntnis-Sache völlig sinnlos ist?

Hm, die gesamte Persönlichkeitsentwicklungsindustrie, tausende Coaches, Trainer, Autoren, Verlage und Co – alles nur Fake News?

Vermutlich ist es nicht ganz so. Und ich möchte hier und jetzt nicht alles in Frage stellen. Vor allem nicht viele Dinge, von denen ich selbst überzeugt bin.

Aber der Fairness halber muss man sagen, dass es die Theorie der „Selbsterforschungsillusion“ gibt, die all unser Streben nach Selbstfindung, Authentizität und alle den klugen „Lasse dich von deinen Gefühlen leiten“-Sprüchen den Boden entzieht.

Und wenn wir schon Hamsterrad-Rebellen sind, dann muss es dir und mir erlaubt sein, ein wenig mehr Skepsis an den Tag zu legen, als es die normalen Hamsterradler da draußen tun.

Kann es sein, dass du und ich gar nicht so wirklich authentisch sein können, weil wir gar nicht wissen, wer wir sind?

Und weil wir auch gar nicht dahinter kommen können, wer wir sind? Vielleicht ist unserer innerer Kompass nicht leer (wie Eric Schwitzgebel sagt) sondern einfach nur dauer-verwirrt?

„I know that i’m forgiven, but i don’t know how i know. I don’t trust my inner feelings. Inner feelings come and go“
Leonard Cohen, „That don’t make it junk“

Wie oft hattest du schon unglaublich starke Gefühle, die am nächsten Tag völlig anders waren?

Wie oft ändert die „Gefühle-Maschine“ in dir drin einfach ihre Meinung?

Wie oft wird Abscheu zu Liebe? Wie oft wird Zorn zu Enthusiasmus? Wie oft wird Angst zu Mut?

Ich kann dieses „Höre auf deine Gefühle“-Parolen einfach nicht mehr hören.

Wenn du nur kurz deine Denkmurmel anwirfst und dich an Situationen mit viel Gefühlschaos zurück erinnerst, weißt du:

Du solltest alles tun, nur nicht auf deine Gefühle hören.

authentisch sein business

Exkurs: Authentisch sein im (Online)-Business

Hahaha, jetzt werden heilige Kühe geschlachtet.

Ich bin der Meinung, dass die Empfehlung „du musst in deinem Business authentisch sein“ schon mehr zerstört hat, als gebracht.

Warum? Ganz einfach:
Das Internet hat keinen Radiergummi.

Seit ich 2013 mit meiner Webseite online ging, habe ich schon sehr viele, unglaublich absurde Auswüchse von Authentizät im Online Business erlebt:

  • Menschen, die rufen, nein brüllen: „Es gibt in diesem Business-Projekt keine Demokratie, ich bin Adolf H*****!
  • Menschen, die regelmäßige und völlig unangebrachte Seelen-Stripteases vollführen
  • Menschen, die zu Challenges aufrufen, um diese dann selbst vorzeitig abzubrechen
  • Menschen, die online ihre Opfer-Rollen zelebrieren und auf die Dauertränendrüse drücken
  • Menschen, die eine Reihe von pikante Geschichten über sich erzählen, die eigentlich keiner wissen will.
  • Menschen, die sich online „zeigen“ (wie das heute so schon genannt wird) und einfach nicht ansatzweise wissen, dass alles an ihnen kleben bleibt, wie ein Kaugummi an der Schuhsohle.

Und das alles unter dem Deckmantel der Authentizität.

Liebe Kollegen, denkt nach, was ihr unter dem Vorwand „authentisch sein“ zu wollen mit euch, mit eurer Zukunft und vor allem mit eurem Image macht.

Und die anderen, jene die Authentiztät als bewusstes Stilmittel einsetzen (sich mal völlig ungeschminkt und mit Handtuch-Turban ganz „natürlich“ vor die Kamera setzen), hört bitte auf so berechnend zu sein. Eure Zielgruppe ist nicht so doof, wie ihr glaubt.

Bedenkt auch, dass man Aufrufe wie „Wie du dich voll und ganz in und mit deinem Business zeigst“ auch falsch verstanden werden können 😉

OK, Markus, was habe ich jetzt davon?

Für mich ist eines klar: Wir sind so sehr mit Selbstoptimierung beschäftigt, dass wir aufhören zu leben.

Ganz ehrlich: Brauchen wir wirklich eine Schritt-für-Schritt-Anleitung: „So wirst du authentisch“?

Wie authentisch bist du den, wenn du morgens vornimmst: „Heute darf ich nicht vergessen, wieder authentisch zu sein – Schritt 3 muss ich heute befolgen“

Sorry, so funktioniert unser Leben nicht.

Und es funktoniert schon gar nicht, wenn du nur davon beseelt bist, dich zu optimieren, egal ob es deine Ziele, dein Geld, dein Körper, deine Entspannung oder deine Authentizität ist.

Lebe einfach.

Artikel von

Markus Cerenak

Markus Cerenak

Markus Cerenak hat die kleine Rebellion gegen das Hamsterrad ins Leben gerufen. Er möchte mit dieser Webseite Menschen unterstützen ihre Leidenschaft im Leben zu finden. Das zu tun, was sie lieben und nicht eine Sekunde davon als Arbeit empfinden. Und dir helfen alle Hamsterräder endgültig aus deinem Leben rauszukicken!

4 Antworten

  1. Hallo Markus,

    vielen Dank für deinen Artikel. Er spricht ein wichtiges und oft wenig reflektiertes Thema an.

    Auf weit aufgesperrte Ohren stößt bei mir ganz besonders dein Satz „Bist du noch authentisch, wenn du nur authentisch bist, um XYZ zu erreichen?“

    Und natürlich wäre vollkommene Authentizität in allen Lebenlagen und Kontexten weder möglich noch wünschenswert, sondern einigemaßen absurd und egozentrisch – eben ein Stück weit ein „Egotrip“, wie du es ja auch genannt hast.

    Trotzdem hat der gegenwärtige Hype um Authentizität aus meiner Sicht auch gute Seiten, weil so das Thema auch in Kreise kommen könnte, denen mehr Authentizität (wenn in Verbindung mit Aufrichtigkeit und der Wertschätzung anderer) ganz gut stehen könnte …

    Gefällt mir übrigens sehr gut, dass dein Blog nachdenklicher und tiefer geworden ist, obwohl ich natürlich deine älteren Sachen auch schätze.

    Lieben Gruß
    Manuela

  2. Hallo Markus,

    sehr spannend. Ich habe mich gefragt, wann ich mich denn authentisch fühle. Eine Facette nur, aber für mich nicht unwesentlich:

    Dann, wenn ich zu mir selbst und zu meinen Entscheidungen stehe, unabhängig davon, was die Mitarbeitenden oder die Familie davon halten.

    Liebe Grüsse aus der Schweiz
    Carine

  3. Ich bin der Meinung dass authentisch sein etwas mit Selbstannahme zu tun hat und der Gegenüber merkt dass es so ist und nichts vorgespielt wird. Ich als Mutter hatte mich so um andere gekümmert und mich vergessen dass ich gar nicht mehr wusste wer ich war oder was meine Bedürfnisse waren. Dazu musste ich mich mehrere Jahre! mit mir befassen um wieder zu mir zu kommen. Was die Internetsache betrifft gibt es bestimmt viel Schauspiel was dem Zuseher offenbar egal ist. Naja man kann es ja auswählen was man sich zumuten will.

  4. Hallo Markus,
    Deine „neue Sicht“ der Dinge lassen mich immer wieder schmunzeln. Ich hatt neulich eine Diskussion zu diesem Thema. Und meine Erfahrung ist:

    1. jemand kann professionell Authentisch sein – dadurch wirkt sein Seelenstriptease aalglatt und doch unpersönlich
    2. Authentisch heißt für mich, so zu sein, wie ich mich in meiner natürlichen Umgebung zeige. Und das ist nicht rücksichtslos oder egoistisch, sondern einfach ich – ohne Maske/Rolle.
    3. Alles extra für den Job, für Facebook, für meinen Auftritt ist dann nicht mehr authentisch sondern wirkt aufgesetzt. Hier bei sich zu bleiben ist dann die Kunst.

    Selbstfindung ist ein Weg und dieser führt nur über die Liebe, zu sich selbst und zu allen anderen Menschen. Und das Selbst braucht auch keinen Coach und keinen Applaus, sondern nur ein waches Bewusstsein, aber das kann man trainieren.

    Liebe Grüße
    Wolfram

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Ja, das passt natürlich ;-)

Artikel von

Markus Cerenak

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