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Die Angst vor dem Schreiben – Wie wir sie demaskieren und überwinden können

Photo by Bench Accounting

Es ist, als hätte dich jemand in einer Vakuumbox verpackt und jegliche Luft aus dir herausgequetscht.
Seit Wochen, vielleicht schon seit Monaten quälst du dich herum, wehrst dich gegen alles, was mit dem Schreiben zu tun hat. Dein Buchprojekt scheint vor dem endgültigen Aus zu stehen. Und das, obwohl du tief in dir spürst, dass dieses Buch heraus will und heraus muss. Oder spürst du selbst das nicht mehr? Ist das Schreiben zu einem Feind geworden?
Mir wird übel bei dem Gedanken, denn ich kenne diese Situation. Ich möchte außerdem lieber Menschen sehen, die im Schreiben aufgehen und andere damit begeistern.

Welche Zweifel sind es, die dich plagen? Wovor hast du Angst? Lasse uns ein paar mögliche Ursachen entlarven und ihnen den Schrecken nehmen, bevor wir uns zwei konkreten Methoden widmen, die dir erlauben werden, wieder frei atmen und schreiben zu können.

Erfüllungszwang vs. „Alles zu seiner Zeit”

„Na, wie weit ist dein Buch?” „Wie viele Seiten hast du schon geschrieben?” Egal, in welchem Bereich. Immer wieder habe ich erlebt, dass die schnelle Umsetzung heute als positive und erstrebenswerte Leistung angesehen wird. Quantität und Effektivität ersetzen oft Qualität und Gehalt. Aktivität und Willensstärke werden als Synonym von „Komme möglichst schnell zum Ergebnis!” oder „Platziere dich auf dem Markt!“ gesehen.

Die Welt hat keine Geduld mehr. Wie soll uns da nicht die nötige Luft zum Atmen für unsere Kreativität, für die Entwicklung unserer Ideen ausgehen?

Alles braucht seine Zeit, ein gut recherchiertes und geschriebenes Sachbuch ebenso wie ein fesselnder Roman. Manche Autoren arbeiten Monate, manche Jahre an ihren Werken, bevor diese der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Es kommt jedoch auch auf das Genre an. Dann ist jedes Buch, jeder Autor individuell. Die Methoden des Schreibens unterscheiden sich, und kaum einer erzählt uns von der vorbereitenden Arbeit, die dem tatsächlichen Schreibprozess vorausgegangen ist.

Ich will nicht wissen, um wie viele Bücher die Welt ärmer ist, weil ihre Autoren aufgegeben haben, aus Angst „zeitlich” zu scheitern. Bitte stelle nicht auch du dich an der Schlange der Atemlosen an.

Also, sprich nicht darüber, zähle keine Seiten, sondern arbeite konsequent daran und tue etwas für dein Ziel (das fertige Werk oder die Veröffentlichung deines Buches). Gehe die Sache spielerisch und mit Gewissenhaftigkeit an und ignoriere die vermeintliche Sanduhr.

Was soll dir passieren? Die einzigen, die dabei Schaden nehmen, wenn du dich hetzt, anstatt etwas in seiner Zeit zur Entfaltung kommen zu lassen, sind du und dein Buch. Seitdem ich diesen Rat selbst beherzige, habe ich mehr für mein Buch und andere Projekte erreicht als je zuvor.

Emotionale Tiefen vs. der ganz normale Wahnsinn

Was hatte ich für eine Angst vor meinem Buch und dass ich nicht mehr aus seiner intensiven isolierten Welt aus Schweigen und visuellen Reizen herauskomme. Jetzt genieße ich die Wanderung durch andere Dimensionen. Bei dir sind es vielleicht schmerzhafte Erinnerungen, die mit deiner Autobiografie aufkommen oder der harte Tobak, mit dem deine Figuren/die Akteure deines Berichtes zu kämpfen haben. Ich vergleiche diese Angst mit den Bedenken, einen Schamanen an dich heranzulassen, aber dann zu merken, dass was mit dir passiert, gut ist. Nein, du drehst nicht durch. Wenn dein Thema dich aufwühlt und alte Wunden aufreißt, versuche es als einen Trauerprozess zu erleben. Vergiss bitte außerdem nie: Kreativ oder in ein Projekt verwickelt zu sein, in dem dein ganzes Herzblut steckt, ist der ganz normale Wahnsinn. Ich bin sogar der Meinung, dass wir ohne ihn nicht auskommen, wenn wir uns etwas mit Leidenschaft hingeben. Sollte es dir doch einmal zu viel werden, berufe dich auf alles, was dich wieder in Balance bringt. Wie wäre es mit einem heißen Kakao, etwas einfacher Unterhaltung fürs Herz, dem Blick in die Bäume, einem Gespräch mit Tieren, die dir begegnen, einem Essen mit Menschen, die dir nahe stehen?

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Fremde Meinungen vs. innere Überzeugung

Der absurde aber leider nicht tot zu kriegende Klassiker unter den Schreibbremsen ist die Meinung der anderen oder der Vergleich mit ihnen. Nimm es mir daher bitte nicht übel, wenn wir uns diesen Dämonen und ihrer Austreibung erst in einem anderen Artikel widmen werden. Worauf solltest du währenddessen jedoch immer hören? Auf deine innere Stimme, auf das, was aus dir heraus will. Es hört nie auf. Du kannst es nur mit Gewalt zum Schweigen bringen und damit auch dich selbst.

janeb13 / Pixabay

Vorgaben vs. Vormachen

Wie zu allen Dingen gibt es auch zum Schreiben und seinen Methoden eine herrschende Meinung oder einen Standardweg, der dir den ersehnten Erfolg bringen soll. Vorschriften und Kreativität? Ich kann mich nicht damit anfreunden und bin immer wieder froh, wenn ich außergewöhnliche Bücher, Filme oder Musik entdecke, die besonders sind, weil ihre Urheber Grenzen überschritten haben. Ich möchte auch dich animieren, deinen eigenen Rhythmus zu finden, anstatt anderen Rhythmen zu folgen. Im September wird übrigens gerade das Thema dieser Serie sein.

Wenn du dir demnächst also die Frage stellen solltest: „Kann ich das so schreiben?”, denke bitte daran: Was geschrieben ist, wurde geschrieben. Man kann es löschen, radieren, durchstreichen, aber man kann auch weiter machen. Es wird Leser geben, bei denen du mit deinen Bedenken und schlechten Gefühlen richtig gelegen hast. Was ist aber mit denen, die genau darauf anspringen, in denen du etwas, womöglich Bekanntes, berührst, bei denen du etwas auslöst? Lasse das Schreiben wieder zu deinem Schreiben werden. Deine Leserschaft wird es dir danken.

Jetzt, wo wir das Gesicht der Anti-schreib-Fratzen etwas entspannt haben, lasse uns zu zwei Methoden kommen, die dir dabei helfen das Spielerische, das Glück, die Freiheit, die Energie deines Schreibens zurückzuerobern. Es waren vor allem die oben beschriebenen Demaskierungstaktiken und diese zwei Wege, die mich in das jetzige Stadium meines Schreibens geführt haben.

Nimm dir eine Schreibauszeit. Nein, nicht vom Schreiben, das sollte eher nicht passieren. Nimm dir eine Auszeit für das Schreiben, möglichst ganz alleine und mit so wenig Verpflichtungen wie möglich. Das kann ein Wochenende oder ein ganzer Urlaub sein (je länger und intensiver desto besser). Wenn es nicht anders geht, denn die Herausforderung ist größer und die Ablenkungen wahrscheinlicher, kannst du auch versuchen die Auszeit mit deinem „normalen” Leben zu kombinieren.
Wie immer du dich entscheidest, reagiere in dieser Phase nur auf das, was dich intuitiv anspricht. Folge ihm, gehe und gib ihm nach, auch wenn kein direktes Schreiben involviert ist, auch wenn es dir nicht sinnvoll erscheint. Ist es sinnvoll, sich das Hirn zu zermartern, sich selbst kleinzumachen oder sich verbissen an ein vorgegebenes Muster zu halten? Nein, oder? Dann kannst du dich mal gehen lassen. Es geschehen nicht nur Zeichen, sondern auch Wunder. Dinge fügen sich und ergeben auf seltsam klare Weise einen Sinn. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das auf mehrere Bereiche zutrifft und ich bin mir sicher, dass diese Herangehensweise auf alles anwendbar ist, was dich blockiert. Integriere danach alle Methoden, die du dir in dieser Zeit angeeignet und die guten Gefühle, die du erlebt hast, in deinen Alltag.

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Freies Schreiben

Nimm dir ein Blatt Papier, ein Notizbuch oder dein Laptop zur Hand und schreibe drauf los. Ich lasse es entweder fließen oder nehme mir ein Ausgangsthema („der Anfang”)/eine Ausgangsfrage („Was begleitet sein Schweigen”?) oder eine Quelle der Inspiration (Film, Fotografie, Musikstück). So sind bereits mehrere Szenen entstanden. Denke nicht nach, lausche dem, was in dir steckt und heraus will.

Julia Cameron hat die “Morning Pages” („Morgenseiten”) in ihrem übrigens sehr empfehlenswerten Buch “The Artist‘s Way“ („Der Weg des Künstlers”) bewusst auf die Zeit direkt nach dem Aufstehen gelegt. Ihr geht es vor allem darum, sich von den äußeren Zwängen zu befreien, die uns davon abhalten, grenzenlos und wahrhaftig kreativ zu sein. Für mich funktioniert es jederzeit. Es gibt Tage, da verteile ich das freie Schreiben sogar auf mehrere Phasen am Tag. Wie sieht es bei dir aus?

Wir werden im Laufe der Serie über das Schreiben noch viele weitere Methoden kennenlernen, die deine Arbeit wieder luftdurchlässig und leicht machen.
Im September geht’s weiter. Bis dahin: Schreib wie du bist.

Ein Artikel von Nadine Stelzer

Artikel von

Nadine Stelzer

Nadine Stelzer

Nadine Stelzer aka Nadja Delajura studierte Literaturwissenschaft und Slawistik. Als Sängerin hat sie ihre Stimme mit der Musik verschiedener Künstler der alternativen elektronischen Musikszene verschmolzen. In ihrem Kosmos „Les Idées” entwirft sie aus Gedanken Konzepte und Herangehensweisen und erweckt sie zum Sicht-, Les- und Hörbaren. Mit den Projekten, die aus diesem Zusammenspiel der Ideen entstehen, möchte sie Menschen dazu inspirieren, ihren eigenen kreativen Weg zu finden. Derzeit arbeitet sie an ihrem experimentellen Roman über das Schweigen.

One Comment on “Die Angst vor dem Schreiben – Wie wir sie demaskieren und überwinden können

Steffen Becher
14. August 2019 um 12:52

Ich glaube, dass die innere Überzeugung ein Punkt ist, der wesentlich ist. Wir müssen in uns kehren, damit wir klar werden und das immer wieder aufs Neue.

Geniale Tipps von dir und mach weiter so.

Viele Grüße
Steffen

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Ja, das passt natürlich ;-)

Artikel von

Nadine Stelzer

Nadine Stelzer

Nadine Stelzer aka Nadja Delajura studierte Literaturwissenschaft und Slawistik. Als Sängerin hat sie ihre Stimme mit der Musik verschiedener Künstler der alternativen elektronischen Musikszene verschmolzen. In ihrem Kosmos „Les Idées” entwirft sie aus Gedanken Konzepte und Herangehensweisen und erweckt sie zum Sicht-, Les- und Hörbaren. Mit den Projekten, die aus diesem Zusammenspiel der Ideen entstehen, möchte sie Menschen dazu inspirieren, ihren eigenen kreativen Weg zu finden. Derzeit arbeitet sie an ihrem experimentellen Roman über das Schweigen.

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