Von Koffern, Taschen und Rucksäcken – wie emotionaler und realer Ballast uns ausbremst

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Hast du schon mal gehört, wie emotionaler und realer Ballast uns ausbremst?

Klar, das ist doch eine Binsenweisheit und das weiß jeder. Aber vor kurzem habe ich mal wieder erleben müssen, was das wirklich bedeutet.

Jedes Jahr im Winter fahren wir mit Sack und Pack auf die Alm. Wir übernachten mitten auf dem Skihang, mit dem besten Blick auf die unberührten Pisten am Morgen. Am ersten Urlaubstag bringen wir unsere Koffer, Kisten und Rucksäcke mit der Kleidung und dem Essen für die Woche mit dem Lift hinauf.

Dieses Mal lauerte das Sturmtief Sabine schon unten am Hang. Bäume schlingerten und knackten gefährlich, Dinge wurden durch die Gegend geschoben. Der Wind wehte uns eisigen Schnee ins Gesicht und der Lift…

Der Lift fuhr nicht. Und wir standen da, mit unserem Gepäck. Und jetzt?

Wenn man mit einem Koffer und zwei Rucksäcken am Fuße eines knapp 2,5 km langen vereisten Hanges steht, muss man sich tatsächlich etwas einfallen lassen.

Was mit Dingen passiert, die man nicht wirklich braucht

Im Laufe eines Lebens sammelt sich vieles an. Dinge, wie Möbel, Werkzeug, Spielzeug oder Kleidung, kann man auf dem Boden verstauen oder im Keller. Oder man mietet sich ein kleines Lager, in dem man die Dinge hortet, die einem wichtig sind. Da liegen sie, bis sie sich schmerzhaft wieder in Erinnerung bringen oder gleich ganz in Vergessenheit geraten.

Schwieriger ist das schon mit unserem emotionalen Ballast. Dabei tendieren wir dazu, uns dieses Gepäck auf den Rücken zu schnallen und es mit uns herum zu tragen. Im besten Fall tun wir uns mit Entscheidungen. Im schlimmsten Fall laden wir jeder neuen Bekanntschaft einen Teil dieser Last auf. Manchmal nur, indem wir alte Geschichten hervorkramen. Manchmal, in dem wir alte Ängste, alte Muster, alte Erfahrungen auf diese Menschen projizieren. Und plötzlich stehen wir mit Sack und Pack vor einem Lift, der nicht läuft.

Dabei ist es gar nicht so schwer. Wir haben unser Gepäck auf die Dinge reduziert, die wir an diesem ersten Tag brauchten. Ein einziges Mal mussten wir nach oben kraxeln. Den Rest des Tages haben wir es uns gut gehen lassen. Anstatt im Schweiße unseres Angesichts noch zwei Mal die Tour nach oben zu laufen. Am Abend haben wir im Restaurant gegessen, so wie wir es sowieso an einem Abend in dieser Ferienwoche immer machen.

Wie so vieles andere, kann man lernen, sich von Dingen zu trennen. Von realen Dingen und von emotionalen. Vor allem gilt es, heraus zu finden, was man wirklich braucht. Und auf was man locker verzichten kann. Schon das nimmt mir einen großen Teil der Angst.

Verschiedene Sorten von Ballast

Wenn du keinen Orientierungssinn hast und dich als Kind ständig verlaufen hast, brauchst du nicht unbedingt immer einen Kompass, eine Landkarte und ein GPS-Navigationssystem. Das wäre vielleicht nützlich, wenn du in einem ausgedehnten Waldgebiet unterwegs bist, oder in einer unbewohnten Wüste. Wenn dein Weg dich hingegen durch eine Großstadt führt, wirst du immer jemanden finden, den du nach dem Weg fragen kannst. Wenn du vor lauter Angst, dich zu verlaufen, ständig auf deine Google-App starrst, wirst du beim nächsten Mal den Weg auch nicht finden.

Wenn du – nur zur Sicherheit – immer den gleichen Weg von deiner Wohnung zum Bäcker nimmst, wirst du vielleicht nie den leckeren Konditor entdecken, der in der nächsten Querstraße sein Geschäft aufgemacht hat. Der größte Schritt, diesen emotionalen Rucksack los zu werden, ist, sich klar zu machen, dass es höchst unwahrscheinlich ist, ganz plötzlich in Timbuktu zu landen, wo man niemanden versteht. Und das man deshalb auch keine Angst davor haben muss.

Ängste aufgeben

Seine Angst aufzugeben, kann ein bisschen schwieriger sein. Aber es lohnt sich auf jeden Fall, sich damit auseinander zu setzen. Ist die Angst begründet? Oder gaukelt man sich damit nur eine scheinbare Sicherheit vor? Oder macht man sich damit vielleicht sogar ein wenig lächerlich? Was ist der Preis, den man bezahlt, wenn man an seiner Angst festhält? Wenn man aus Angst vor einem Absturz niemals mit dem Flugzeug fliegt, wird man manche Flecken der Erde niemals sehen. Schon die Erkenntnis (oder Aussage), dass man dort niemals hinkommen wird, weil man Angst hat – statt der Aussage, dass man dort sowieso nicht hin will, kann manchmal eine Veränderung bewirken.

Und ich weiß ganz genau, wovon ich rede. Ich hatte als Kind Angst davor, Fremde anzusprechen. Nach dem Mauerfall war ich dann als Aupair in London, weil ich Englisch lernen wollte. Ich suchte mir also die Adresse der Schule heraus und fuhr durch die ganze Stadt, um mich für einen Kurs anzumelden. Leider hatte ich zu viel Angst davor, das Gebäude zu betreten. Ich lief also einmal um die ganze Schule herum und fuhr dann wieder zurück. Ich brauchte zwei weitere Anläufe, bis ich mich dazu durchringen konnte, an der Anmeldung nach einem Kurs zu fragen. Aber ich habe es geschafft. Aber ehrlich gesagt, war die Prüfung zum Cambridge First Certificate ein Klacks gegen diese Anmeldung.

Diese Angst ist immer noch in dem Rucksack, den ich ständig mit mir herum schleppe. Aber er ist im Laufe der Jahre kleiner geworden. Vor kurzem hat mir jemand gesagt, dass er mich bewundert, weil ich immer so mutig bin. Ich war völlig baff. Niemals hätte ich mich als mutig eingeschätzt. Nur waren die Dinge, die ich gemacht habe, auch das, was ich wirklich wirklich wollte. Und das macht mich heute viel mehr aus, als die Ängste, die ich als emotionalen Ballast immer mit mir herum geschleppt habe.

Was ich mir vorgenommen habe, um mein Gepäck zu reduzieren

Inzwischen habe ich mir vorgenommen, unser Lager aufzulösen. Ich brauche das Geld, das wir monatlich für die Miete hinlegen für etwas anderes. Ich bin es leid ständig diverse Kisten und Kästen von einer Seite auf die andere zu räumen, um das eine Teil zu finden, was ich gerade von dort benötige. Das Lager und alles was darin steht, ist viel mehr ein Klotz am Bein, als etwas, was mir das Leben erleichtert. Und das meiste, was dort lagert, werde ich sicherlich nicht mehr in meine Wohnung bringen. Falls wir mal abbrennen oder uns jemand unsere Ikearegale aus dem Wohnzimmer klaut, wird sich eine Lösung finden. So werde ich beim Ausmisten zugleich ganz reale Koffer und Taschen los, als auch einen kleinen emotionalen Rucksack – nämlich die Angst, irgendwann mal ohne Möbel und Tischgeschirr dazustehen.

Was unseren Winterurlaub betrifft, haben wir unsere Koffer am nächsten Tag mit dem Lift auf die Alm geschafft. Wir lassen uns doch nicht von einem kleinen Sturmtief ausbremsen.

Artikel von

Mirjam Hoff

Mirjam Hoff

Mirjam Hoff ist ausgebildete Betonwerkerin hat als Sekretärin, Projektassistentin, Qualitätsmanager, Tutor und in vielen anderen Berufen gearbeitet. Nach einige Jahre, die sie in den USA verbracht hat, wendete sie sich dem Schreiben zu. Sie hat inzwischen 4 Bücher veröffentlicht. Ihre Themen sind Balance und die Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen. Dafür findet sie in ihrer Arbeit als Autor viele Impulse.

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Mirjam Hoff ist ausgebildete Betonwerkerin hat als Sekretärin, Projektassistentin, Qualitätsmanager, Tutor und in vielen anderen Berufen gearbeitet. Nach einige Jahre, die sie in den USA verbracht hat, wendete sie sich dem Schreiben zu. Sie hat inzwischen 4 Bücher veröffentlicht. Ihre Themen sind Balance und die Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen. Dafür findet sie in ihrer Arbeit als Autor viele Impulse.

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