Erwachsen werden für Fortgeschrittene

erwachsen werden

Erwachsen werden bedeutet, die eigene Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Das sollte man so im Alter zwischen zwanzig und dreißig geschafft haben. Bis dahin sind die meisten in eine eigene Wohnung gezogen, verdienen ihr eigenes Geld und bekommen vielleicht ihr erstes Kind. In den meisten Bereichen sind wir bis dahin tatsächlich selbständig.

Aber in der letzten Zeit habe ich im Bekanntenkreis oft Dinge gehört, wie: „Meine Mutter hat mich nie richtig geliebt.“ Oder „Mein Vater hat mir nie gezeigt, dass ich etwas richtig gut kann.

Für unsere Eltern sind wir immer Kinder. Und in dieser Beziehung scheint erwachsen werden eine Grauzone zu sein.

Und da zeigt sich dann, dass erwachsen werden nichts für Feiglinge ist. Denn meine Bekannten sind nicht fünfzehn oder zwanzig Jahre alt. Nein, sie sind in einem Alter, welches allgemein eher mit der Midlife Crisis verbunden wird. Oft habe ich das Gefühl, das es eigentlich darum geht, dass man verschiedene Dinge, die man sich vorgenommen hat, einfach nicht geschafft hat. Das jetzt irgendjemand daran Schuld sein muss.

Sicher gibt es Beziehungen zwischen Kindern und Eltern, die durch Missbrauch und Hass geprägt sind. Beziehungen, die von Anfang an disfunktional waren. Und bei denen es besser ist, wenn getrennt wird, was ohnehin nie gut zusammen gepasst hat. Von denen rede ich nicht.

Ich rede von Beziehungen, in denen die Eltern liebevoll waren. Wo sie sich gekümmert haben. Wo man nicht irgendwie nur so groß geworden ist. Sondern, wo man integraler Teil einer Gemeinschaft war.

Meine Eltern haben nie Fehler gemacht

Ich glaube nicht, dass das überhaupt jemand guten Gewissens von sich behaupten kann. Meine Eltern waren auch nur Menschen. Da gab es außer uns drei Kindern, die Arbeit, die langen Dienstreisen meines Vaters und zwei Omas, um die man sich kümmern musste. Meine Eltern hatten Ängste und Sorgen und immer zu viel um die Ohren. Völlig normal.

Natürlich gibt es im Leben kaum eine Zeit, die einen so prägt, wie die Kindheit. Und in der man von anderen Leuten so abhängig ist, wie man es damals von seinen Eltern war. Jede Nachlässigkeit, jede nur so dahin geworfene Bemerkung kann tiefe Wunden hinterlassen. Und ein Streit zwischen den Eltern kann einen völlig aus der Balance werfen. Aber erwachsen werden bedeutet, sich aus dieser Abhängigkeit zu lösen. Unabhängig zu werden.

Schritt 1 – Was will ich eigentlich?

Das ist vermutlich die schwierigste Frage? Will ich, dass meine Eltern sich bei mir entschuldigen? Will ich, dass sie mir sagen, dass sie Fehler gemacht haben? Will ich Dinge wissen, damit ich sie richtig einordnen und für mich verarbeiten kann? Oder will ich, dass sie in meine Kindheit zurück gehen und Dinge ungeschehen machen. Damit ich selbst in meinem Leben manche Dinge anders gemacht hätte?

Okay, das war jetzt selbst für mich zu viel Konjunktiv!

Kann ich mir eigentlich sicher sein, dass die Fehler meiner Eltern mein Leben irgendwie zum Schlechten gewendet haben? Und wenn ich ihnen das wieder und wieder vorhalte, ändert das etwas an meiner Gegenwart? Möchte ich ein besseres Leben, oder möchte ich es meinen Eltern irgendwie heimzahlen? Und wie fühle ich mich dabei?

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Schritt 2 – Was haben sich meine Eltern dabei gedacht?

Erwachsen werden
Pexels / Pixabay

Im besten Fall kann ich meine Eltern danach fragen. Vermutlich werden ihre Antworten etwa so lauten: „Das? Daran kann ich mich gar nicht erinnern…“ und sie wenden sich anderen wichtigen Dingen zu, wie etwa dem Wetter. Oder sie könnten sagen: „Ich wollte dich doch nur schützen!“ Dann sehen sie dich an, mit diesem waidwunden Elternblick, „Das war eben damals so“, sagen sie. Oder etwas Ähnliches. Und für dich klingt das alles furchtbar banal.

Aber vielleicht sind sie auch ehrlich und hauen dir die Wahrheit, wie einen Ziegel auf den Tisch. „Ich wollte dir das Leben versauen. Kinder sind so naiv. Denen muss man die Realität einbläuen, bis sie ihnen zu den Ohren wieder rauskommt. Und du warst ohnehin mein persönlicher Feind. Immer musstest du Dinge in Frage stellen. Natürlich habe ich dich nicht geliebt. Man muss halt Kinder in die Welt setzen. Was willst du eigentlich, ich hab dir ein Dach über den Kopf gegeben. Du hattest immer genug zu essen und etwas anzuziehen. Du bist auch so erwachsen geworden.“

Wenn du sie nicht mehr fragen kannst, dann musst du dir selbst überlegen, was sich deine Eltern  gedacht haben. Vielleicht hatten sie tatsächlich andere Dinge im Kopf. Vielleicht lief ihre Ehe nicht gut. Als Kind wusstest du das nicht, aber heute kannst du das nachvollziehen.

Möglicherweise wollten sie dein Bestes, aber ihre Entscheidung oder ihre Reaktion ist nicht so optimal ausgefallen. Immerhin warst du ein anstrengendes Kind, auch das kannst du heute nach vollziehen. Vielleicht haben sie es selbst nicht besser gelernt. Vielleicht war ihre Erziehung auch nicht so liebevoll oder aufmerksam, wie sie es hätte sein sollen.

Oder, sie wollten dir (siehe oben) tatsächlich einfach das Leben versauen.

Schritt 3 – Was, wenn ich meinen Eltern vergebe?

Falls deine Familie wirklich den Namen Familie wert war, wird dir vermutlich klar werden, dass deine Eltern dir keineswegs das Leben versauen wollten. Im besten Fall bekommst du von ihnen eine befriedigende Erklärung, was deine Eltern geritten hat. Im Normalfall wird die Erklärung eher unbefriedigend sein. Und im schlimmsten Fall bekommst du gar keine Antwort.

So oder so ist es selten die Antwort oder die Erklärung, die im Endeffekt zählt. Es ist deine Art, wie du damit umgehst. Es ändert sich kein einziger Tag deiner Kindheit und du bist immer noch der gleiche Mensch, der du gestern gewesen bist.

Aber du kannst deinen Eltern vergeben. Du kannst die Dinge loslassen. Manchmal geht das einfach so. Und manchmal braucht es Mut und Kraft oder einen festen Entschluss.

In jedem Fall aber hast du die Möglichkeit, dich frei zu schwimmen. Vermutlich haben deine Eltern also Fehler gemacht. Vielleicht waren deine Erfahrungen so prägend, dass du dir oft selbst im Weg gestanden hast. Aber ab heute kannst du dir sagen, dass deine Eltern keine Macht mehr über dich haben. Du kannst einen Weg finden. Du musst nicht darauf warten, dass deine Eltern sich ändern. Du kannst dankbar über alles Gute sein, dass sie dir geben konnten.

Denn du kannst ihnen anders begegnen. Auf Augenhöhe und als wahrer Erwachsener.

Artikel von

Mirjam Hoff

Mirjam Hoff

Mirjam Hoff ist ausgebildete Betonwerkerin hat als Sekretärin, Projektassistentin, Qualitätsmanager, Tutor und in vielen anderen Berufen gearbeitet. Nach einige Jahre, die sie in den USA verbracht hat, wendete sie sich dem Schreiben zu. Sie hat inzwischen 4 Bücher veröffentlicht. Ihre Themen sind Balance und die Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen. Dafür findet sie in ihrer Arbeit als Autor viele Impulse.

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Ja, das passt natürlich ;-)

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Mirjam Hoff

Mirjam Hoff

Mirjam Hoff ist ausgebildete Betonwerkerin hat als Sekretärin, Projektassistentin, Qualitätsmanager, Tutor und in vielen anderen Berufen gearbeitet. Nach einige Jahre, die sie in den USA verbracht hat, wendete sie sich dem Schreiben zu. Sie hat inzwischen 4 Bücher veröffentlicht. Ihre Themen sind Balance und die Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen. Dafür findet sie in ihrer Arbeit als Autor viele Impulse.

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