Es lebe die Fantasie – es gibt keinen zu 100% realistischen Roman

Fantasie

Als Schriftsteller möchte ich euch heute zurufen: Es lebe die Fantasie!, denn wie Albert Einstein gesagt hat: „Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.“

Wir leben im Zeitalter des exakten Wissens. Was ist das für eine seltsame Pflanze, mit den fedrigen Blättern? Wie ist die Halbwertzeit von Uran? Was ist die Entfernung von der Erde bis zum Jupitermond Ganymed? Leide ich vielleicht an Leukämie oder Autismus?

Jede Antwort ist nur ein paar Klicks auf dem Smartphone entfernt.

Und wenn man es nicht selber schafft gibt es immer noch einen Deppen in deiner Facebookgruppe, der dir eifrig die Frequenz der Flüge nach Reunion googelt. Oder der dir genau sagt, wo du umsteigen musst, um im Jahre 1876 mit der Kleinbahn von Oberunternach nach Hinterposemuckl zu kommen.

Das ist immer günstig, häufig von Vorteil und manchmal überlebenswichtig.

Aber es gibt einen Bereich, wo mich dieser ganze Googlelismus inzwischen wirklich nervt.

Das ist beim Schreiben.

Es lebe die Fantasie. Ich bin Romanschreiber. Das heißt, dass die Fantasie mein tägliches Brot ist. Ich erfinde eine Geschichte. Ich erfinde Charaktere und ich bestimme, wer wann wie handelt.

Ich habe kein Interesse daran, die Wirklichkeit exakt abzubilden. Ich setze mich bewusst darüber hinweg.

Aber offensichtlich scheint das nicht jedem so zu gehen.

Ein paar Zitate aus meiner Autoren-Recherchegruppe gefällig?

  • „Was passiert eigentlich genau, wenn die Erde aufhört, sich zu drehen? Bitte nur ernstgemeinte Antworten. Ich brauche eine belastbare Aussage!“
  • „Wie stark genau muss ein Schlag auf den Kopf sein, damit dass Opfer ohnmächtig wird, aber keine bleibenden Schäden davon trägt?“ und – mein Favorit –
  • „Sind die Begriffe richtig: `Auch wenn ihm dieses Einkaufszentrum gehörte – besser gesagt, es war eines der vielen Objekte der Holding, dessen Hauptanteilseigner er war – er versuchte dennoch, bodenständig zu bleiben.“

Der Satz ist natürlich eine Katastrophe und im Laufe der Facebook-Diskussion wurde er sogar noch viel katastrophaler. So dass man ihn am Ende nicht mehr ohne Zahnschmerzen lesen konnte und ihn auch tatsächlich kaum mehr verstand. Aber er war juristisch korrekt verschwurbelt – immerhin.

Für die erste Frage wurde der Ruf nach einem Astrophysiker laut (darunter war leider keine belastbare Aussage zu bekommen) und die zweite Frage beantwortete ein Mediziner (allerdings auch nicht mit einer genauen Zahl).

Wozu ist es wichtig?

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DGlodowska / Pixabay

In jeder der Fragestellungen wurde natürlich ausgeblendet, wozu genau die Rechercheergebnisse wichtig waren.

Bei Satz drei, da bin ich mir ziemlich sicher, kam es darauf an, dass ein stinkreicher Typ vernünftig geblieben war, damit er am Ende der Geschichte seine Prinzessin bekommen konnte.

Ob er nun das ganze Einkaufszentrum besitzt oder nur wesentliche Teile davon oder einen Haufen Papier aus dem hervorgeht, wieviel Prozent des Schuppens ihm gehören, interessiert vielleicht ihn, aber doch nicht den Leser der Liebesgeschichte. Es lebe die Fantasie.

Meist frage ich mich, woher besonders bei einem Autor überhaupt der Wunsch kommt, alles so auf den Punkt genau wissen zu müssen?

Vertraue ich meiner eigenen Fantasie so wenig, dass ich ständig und immerzu ein Backup brauche, um im Notfall eine realistische Antwort parat zu haben?

Oder bin ich ein Recherche-Junkie, der in seine Fakten verliebter ist, als in seine Geschichte?

Muss man, wenn all die Information leicht zugänglich ist, tatsächlich auch alles wissen? Für mich würde darunter der Spaß am Schreiben leiden.

Ich finde es anstrengend – neben dem Plot, den Lebensläufen meiner Protagonisten, neben Charakterentwicklung und anderen Dingen, die man für eine Geschichte benötigt – auch noch einen Haufen Faktenwissen mitzuschleppen, dass man nicht braucht.

Recherche ist wichtig

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377053 / Pixabay

Nicht dass ihr mich falsch versteht – Recherche ist wichtig für einen Roman.

Dies gilt natürlich besonders für historische Romane, die sich oft an realen Geschehnissen anlehnt.

Vlad Dracul war eben nicht der dritte Earl of Sussex und Shakespeare hat auch nicht die Schlacht von Abernathy geführt.

Auch für SciFi-, Fantasyromane und Krimis ist Recherche notwendig.

Jeder Leser hat ein bestimmtes Bild im Kopf, ob ein Täter im Frankfurter Hauptbahnhof von der Polizei festgenommen wird, oder am Kennedy-Airport vom FBI.

Dieses Bild sollte schon ungefähr mit dem übereinstimmen, was der Autor darüber von sich gibt.

Aber ob der 62er Bus tatsächlich aller 11 min am Neuheimer Bahnhof ankommt oder nur aller 13 min…

Als Autor lasse ich den Bus kommen, wenn ich ihn brauche.

Mir egal, ob er Verspätung hat oder sogar zu früh ist.

Und wenn mein Gegenüber auf den Fahrplan guckt und sagt: „Das ist nicht korrekt.“ Dann lächle ich. Ich kann das erklären.

Der Fahrer ist frisch verliebt. Gerade heute früh hat er die Frau seines Lebens im Bus gesehen und er war ein bisschen aufgeregt und hat deshalb die Zigarette in seiner Pause zu schnell geraucht. Weil er sonst genau eine Zigarettenlänge braucht, ist er heute auch nach dieser Zigarette losgefahren. Es lebe die Fantasie.

Was es wirklich braucht

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Victoria_Borodinova / Pixabay

Manchmal hilft es dir gar nichts, dich auf die Fakten zu verlassen.

Manchmal ist alles, was man braucht eine gute Geschichte.

Und dann erzählst du nichts von 33 Newton, die es braucht, um einen Schädelknochen zu knacken, sondern von der Wut des Täters, die er bei der rosa Hemdbluse empfand, die sein Opfer trug.

Und dass er die Oscarstatue fester fasste, als er eigentlich beabsichtigt hatte.

Vielleicht klingt das verrückt, aber es macht deine Geschichte lesenswerter und bunter. Und damit meine ich nicht nur rosa.

Und oft zieht mich ein solches Element sehr viel tiefer in die Geschichte, als die exakte Formulierung von Eigentumsverhältnissen an einem Einkaufscenter.

Beides gibt dir keine Garantie, dass dein Buch ein Bestseller wird.

Aber wenn ich einen Roman erwarte und einen juristischen Fachtext bekomme, dann fliegt das Buch in die Ecke.

Dessen sollte man sich als Autor bewusst sein. Und das wissen auch Autoren, wie Schirach, Fitzek oder Grisham (die alle drei Jura studiert oder als Juristen gearbeitet haben).

Wir lieben die Flunkerer, die Pointendreher, die einer Geschichte mit einem kleinen Hauch Unwahrheit den letzten Schliff geben können, so dass wir darüber lachen und uns nicht mit einem steifen „Soso, aha. Das ist ja interessant“, aus der Unterhaltung drehen.

Und wenn wir ehrlich sind, sind doch die Leute, die ständig mit Fakten um sich werfen, auch ziemlich langweilig. Sie kommen als Klugscheißer rüber, oder als arrogante Schnösel. Und das meiste, können wir auch alles selbst in Wikipedia nachlesen.

Also, lasst die Fakten ab und zu beiseite, wenn ihr einen Roman schreibt oder eine Geschichte erzählt. Und glaubt mir, niemand nimmt es euch übel, wenn ihr den Straßenbahnfahrplan dann mal nicht auswendig wisst.

Artikel von

Mirjam Hoff

Mirjam Hoff

Mirjam Hoff ist ausgebildete Betonwerkerin hat als Sekretärin, Projektassistentin, Qualitätsmanager, Tutor und in vielen anderen Berufen gearbeitet. Nach einige Jahre, die sie in den USA verbracht hat, wendete sie sich dem Schreiben zu. Sie hat inzwischen 4 Bücher veröffentlicht. Ihre Themen sind Balance und die Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen. Dafür findet sie in ihrer Arbeit als Autor viele Impulse.

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Mirjam Hoff ist ausgebildete Betonwerkerin hat als Sekretärin, Projektassistentin, Qualitätsmanager, Tutor und in vielen anderen Berufen gearbeitet. Nach einige Jahre, die sie in den USA verbracht hat, wendete sie sich dem Schreiben zu. Sie hat inzwischen 4 Bücher veröffentlicht. Ihre Themen sind Balance und die Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen. Dafür findet sie in ihrer Arbeit als Autor viele Impulse.

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