Wie lange ich brauchte bis ich anerkannte, wer ich bin – Oder: „Ich schreibe also bin ich.”

Schreiben


„Willst du eine Schriftstellerin sein?” Es ist noch nicht lange her, da beantwortete ich diese Frage einer lieben Freundin mit „Nein”.
Es kann nur an meiner eigenen Überzeugung gelegen haben, dass sie, übrigens eine wunderbare Jugendbuchautorin, mir glaubte und nicht nachhakte.
CUT und Blende. Ein Ozean im Sturm. Ich bin allein mit meinen Figuren, Räumen und Landschaften. Mein Vertrauen in ihre Welt, in meine Sprache, ist so stark, dass ich mich vom Sog der Wellen mitreißen lasse, ohne einen Moment der Angst oder des Zweifels.
Der Glaube an mein Schreiben war immer da.
Was also hielt mich jahrelang davon ab, mein Buchprojekt ernst zu nehmen?

Das schwache Vertrauen in mich und andere.

1. Die Künstlerin in mir war nicht stark genug.

Ein weiterer Grund für mein „Nein” zur Schriftstellerin war die Scham, diesen Anspruch zu erheben.
Obwohl mein Wesen, meine Herangehensweisen an das Leben und Arbeiten, meine Voraussetzungen (Talente, Ausbildung, Veröffentlichungen und Auftritte als Sängerin) alles mitbringen, hielt ich die Bezeichnung Künstlerin für eine Anmaßung. Der Anspruch, den ich an professionelle Schriftsteller habe, ist hoch. Durch Freunde, die bei renommierten deutschen Verlagen veröffentlicht haben, weiß ich, was es heißt, als freiberuflicher Autor zu leben. Alle sind zwischendurch abgebogen, haben harte Zeiten durchlitten und mussten Blockaden überwinden. Daher schätze ich den Mut und die Konsequenz derer, die diesen Weg unbeirrt gegangen sind. Folglich konnten die Ansprüche an mich nur unüberwindbar sein.

2. Das Potenzial für ein größeres Werk war mir nicht bewusst.

Außer einer Ansammlung von Fragmenten, Konzepten und Ideen gab es nichts Vorzeigbares. Bisher hatte sich mein Arbeiten mit Worten auf Songtexte, lose zusammengetragene Reflexionen, wissenschaftliche und journalistische Texte beschränkt. Dass durch meine Art zu schreiben ein kompletter Roman entstehen könnte, schloss ich aus.
Und…Einer der größten Steine, mit denen du dir erfolgreich den Weg verbarrikadieren und deine Kreativität lähmen kannst, ist bekanntermaßen der Gedanke an die Beurteilung von außen. Ich habe nie gezögert, meine Musikstücke im Rohzustand zu zeigen. Kaum einer kennt jedoch meine Manuskripte. Was mich zum nächsten Punkt führt.

3. Ich unterschätzte das Interesse potenzieller Förderer und einer Leserschaft.

Einer meiner womöglich größten Fehler: Ich habe immer nur gesehen, was ich definitiv nicht will, und das waren die etablierten Systeme des Schreibens und kreativen Schaffens, die ein scheinbar nicht verhandelbares Muster vorgeben: schnell, effektiv, mehrstellige Erfolge. Das, was ich wollte, war zu anders, zu weit entfernt von den Gesetzen dieser Welt. Wer sollte einen Wert darin sehen und das lesen wollen? Wieder mangelte es mir an Vertrauen, diesmal in potenzielle Förderer, Auftraggeber und Leser.
Daraus ergab sich der vierte und sehr klassische Grund.

4. Ich glaubte nicht genug an eine Existenzsicherung durch kreative, freiberufliche Arbeit.

Ich wollte finanziell und in meinen Entscheidungen (Ethik und Qualität) immer unabhängig sein und meinen Bereichen (Sprache und Musik) treu bleiben. Daher gründete ich direkt nach dem Studium mein eigenes Business als Dienstleisterin für alles rund um den Text und die Stimme.
Es mag absurd klingen, aber dieser extreme Drang nach finanzieller Unabhängigkeit und Freiheit ist das Grundgerüst für meinen eigenen Käfig geworden. An Förderungen, Stipendien, Preise, Crowdfunding dachte ich nicht im Traum. Die mäßig oder gar nicht bezahlten Aufträge als Schreiberling oder Übersetzer nahmen mir den Mut, mich ausschließlich in meiner Branche weiterzuentwickeln. Ich bog immer wieder vom Weg ab, bildete mich in anderen Bereichen weiter, beriet Start-ups der digitalen Musikindustrie, unterrichtete Pilates und managte E-Learning-Projekte.

Heute kann ich über diese Bedenken und Ausreden, mit denen ich mich konsequent blockiert und selbst sabotiert habe, nur den Kopf schütteln.

Was für ein Schwachsinn! Das Entscheidende ist doch, wie bei jedem anderen Weg auch, dass DU daran glaubst!
Was ich außerdem in den letzten Jahren gelernt habe:
Nicht du wählst das Schreiben. Das Schreiben wählt dich… und alle Wege führen auf magische Weise zu ihm.

So auch die (hoffentlich nicht unendliche) Geschichte meines Buches.
Schon in der Zeit meiner Magisterarbeit waren erste Sätze entstanden, mein Held schimmerte als Ahnung in mir auf. Seine Silhouette zeichnete sich jedoch sehr viel deutlicher ab, als ich mit einem Schriftstellerfreund ein Musikprojekt gründete. Er hatte die Musik für sich als (Über)Lebenselixier entdeckt. Ich andererseits glitt langsam und unaufhaltsam in eine Stimmkrise hinein. Wir tauschten die Rollen.
Immer wieder blickte mich mein Held stumm an. Ich entwarf die Strukturen seiner Geschichte am Reißbrett und vertiefte mich in die Forschungslektüre über das Schweigen. Erste fragmentarische Szenen entstanden im salzigen Angesicht des Pazifischen Ozeans an der chilenischen Küste, im atemlosen und atemberaubenden Sankt-Petersburg, in der Isolation meines Berliner „Schreibzimmers”, im verwunschenen Garten einer Frankfurter Vorstadt. Doch, der Frieden, meine Produktivität, die innere Stille wurde immer wieder vom Quietschen des Hamsterrades zerrissen.

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Herbst 2015. Das Projekt, das ich für einen großen Kunden betreut hatte, war abgeschlossen. Mein Held klopfte verzweifelt an meine Tür. Um ihm und mir wieder näher zu kommen, mietete ich ein Haus in Lettland. Dort plante ich, zur Ruhe zu kommen und mich völlig auf mein Buch einzulassen. Ich wusste, dass ich ohne ein abgeschlossenes Manuskript oder zumindest aussagekräftige Extrakte keine Chance haben würde.
Zwei Tage nach meiner Ankunft in Asari erhielt ich eine neue Projektanfrage. Ohne nachzudenken und zu fühlen entschied ich mich für die Herausforderung im vermeintlich sicheren Leben (Ackern und Druck nonstop für Referenzen, Deckung der Fix- und Lebenskosten) und damit gegen das Schreiben. Wieder hatte der Zweifel (ich persönlich setze Zweifel analog zu Feigheit), dass ich es auch anders schaffen könnte, gesiegt. Meine mäßig gute finanzielle Situation lieferte den sumpfigen Nährboden dafür.

Was kann passieren, wenn du deine „Berufung” zu lange erstickst? Auch Du kannst nicht mehr atmen. Ich fühlte mich wie ein Husky, der in der Wüste aufwacht. Warum ich mich entschieden hatte lieber Evolution zu spielen und mein Fell, meine Natur zu verlieren? Mir erschien die Anpassung an die Wüste leichter als die lange Reise zurück in Eis und Schnee auf mich zu nehmen.
Ich spürte körperlich, wie ich mich von meinen Wurzeln, dem Schreiben und der Sprache, entfernt hatte. Das war nicht mehr nur Selbstverleugnung, sondern pure Selbstverletzung. Glücklicherweise waren meine innere Stimme und die Stimmen anderer, denen ich aus meinem Manuskript vorlas, laut genug und erinnerten mich an meine „Verantwortung”, meine „Pflicht”. Dann kam Markus (mehr muss ich nicht sagen).
Ich legte einen Auftragsstopp ein, um mich für eine begrenzte Zeit voll und ganz meinem Buch zu widmen. Seitdem schreibe und lese ich, als wäre es das letzte Mal.

Pexels / Pixabay

Vielleicht musste ich an diesen Tiefpunkt kommen, um den Wert meiner Arbeit zu erkennen.
Vielleicht war es letztendlich die „unendliche Langsamkeit”, die mich für den jetzigen Weg stärker gemacht hat. Ich sehe viele positive Aspekte in der Langjährigkeit des Entstehungsprozesses. Was eher als Rausch und Fragment begann, hat im Laufe der Jahre an Substanz gewonnen. Durch das Experimentieren und Forschen hat das Werk ein solides Grundgerüst erhalten. Ich habe mich wörtlich in das Schweigen hineingearbeitet, habe den Markt und seine Motivgeschichte ergründet, um festzustellen, dass es Nischenpotenzial hat.
Ich gehe das Projekt mit weniger jugendlichem Leichtsinn an, denn mir ist bewusster, was rund um ein Buch passiert. Der Status quo des Literaturmarktes, auf den ich mich einlassen werde, ist klarer definiert. Ich kann ihm auf meine Art folgen oder versuchen ihn zu umgehen.
Meine Haltung zu meinem Buch ist stärker geworden, indem ich seine Existenz aus dem geschützten Dunkel ans Licht der Öffentlichkeit gerückt habe. Auf diese Art lerne ich mit der Bewertung seines Inhalts aber auch des gesamten Projektes zu leben und lasse mich von den positiven Rückmeldungen, die ich sonst nie bekommen hätte, mitreißen.
Währenddessen nimmt mein Werk Formen an. Figuren melden sich und diskutieren mit mir über die ihnen von mir zugeschriebene Identität. Das Geschriebene schlägt Wurzeln. Es hatte Zeit sich zu entwickeln, und jetzt, wo ich intensiv daran arbeite, wird diese Entwicklung lediglich vorangetrieben, verschmelzen Handwerk und Disziplin mit den Szenen, die sich innerlich aufbauen.
Ich bin stark genug, wieder Aufträge anzunehmen, ohne befürchten zu müssen, dass mein Buch den Kürzeren zieht.


Wie du siehst, kann ich dir weder eine Erfolgsstory bieten, noch stehe ich am Anfang, vor dem schweigenden Nichts. Ich bin mitten drin und lade dich ein, mich auf dem Weg durch meine Zwischenwelt zu begleiten. Neben dem eigentlichen Schreibprozess ist das, was ihn umgibt, viele weitere Geschichten wert. Daher möchte ich die Strategien, Erfahrungen und Experimente, die mit dem Leben als schreibender Freiberuflerin verbunden sind, mit dir teilen. Mit den Artikeln, die in den kommenden Wochen und Monaten hier bei Markus im Rahmen einer Serie über das Schreiben und die Magie der Sprache erscheinen werden, hoffe ich, dir Impulse, Mut und Anregungen zu geben.

Ich habe lange überlegt, ob mein Hintergrund ein Mysterium bleiben soll, denn Unergründliches reizt den Menschen bekanntlich, lässt ihn nicht los. Für meine Person möchte ich das allerdings aufgeben und das Geheimnisvolle den von mir erzählten und vertonten Geschichten überlassen. Der Weg dorthin soll so transparent, verletzlich und menschlich wie möglich sein, ganz nah am Kern.
Denn, „ich schreibe, also bin ich”.

Artikel von

Nadine Stelzer

Nadine Stelzer

Nadine Stelzer aka Nadja Delajura studierte Literaturwissenschaft und Slawistik. Als Sängerin hat sie ihre Stimme mit der Musik verschiedener Künstler der alternativen elektronischen Musikszene verschmolzen. In ihrem Kosmos „Les Idées” entwirft sie aus Gedanken Konzepte und Herangehensweisen und erweckt sie zum Sicht-, Les- und Hörbaren. Mit den Projekten, die aus diesem Zusammenspiel der Ideen entstehen, möchte sie Menschen dazu inspirieren, ihren eigenen kreativen Weg zu finden. Derzeit arbeitet sie an ihrem experimentellen Roman über das Schweigen.

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Nadine Stelzer aka Nadja Delajura studierte Literaturwissenschaft und Slawistik. Als Sängerin hat sie ihre Stimme mit der Musik verschiedener Künstler der alternativen elektronischen Musikszene verschmolzen. In ihrem Kosmos „Les Idées” entwirft sie aus Gedanken Konzepte und Herangehensweisen und erweckt sie zum Sicht-, Les- und Hörbaren. Mit den Projekten, die aus diesem Zusammenspiel der Ideen entstehen, möchte sie Menschen dazu inspirieren, ihren eigenen kreativen Weg zu finden. Derzeit arbeitet sie an ihrem experimentellen Roman über das Schweigen.

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