Was tust du, wenn dein Leben zu Besuch kommt?

Das Leben

Es klingelt. Hm, denkst du, das ist ja jetzt nicht wirklich spannend. Aber mich traf fast der Schlag als ich öffnete. Eine Frau stand vor mir. Dunkle Augenringe umrahmten den müden Blick und ihr leicht verkniffener Gesichtsausdruck erschreckte mich.

Ja bitte?“ fragte ich ziemlich irritiert. In meinem Hirn ratterte das Kopfkino: „Eine Hausiererin, eine Bettlerin, eine von der Blinden-Mission? Oder vielleicht Zeugen Jehova?“

Sie lächelte müde. Etwas gequält. Mit rauer, kratziger Stimme bemühte sie sich um ein aufgesetztes Lächeln:  „Einen schönen guten Morgen, darf ich mich vorstellen? Ich bin's, Ihr Leben!“

Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie ich sie in diesem Moment angestarrt habe. Aber ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Gedanken: „Silke, mach die Türe zu!“ Doch irgendetwas hielt mich davon ab. OK, sie stellte keinen Fuß in die Türe. Ich hätte also jederzeit die Haustüre zuknallen können. Stattdessen stand ich wie hypnotisiert da.

Oh Gott„, dachte ich. „Das ist jetzt irgendwie ein schlechter Film! Oder versteckte Kamera!“

Die Ähnlichkeit

Bis ich die Ähnlichkeit entdeckte. Eine Ähnlichkeit mit mir.

Wie bitte?“ stammelte ich krächzend. Sie hielt mir einen Spiegel vors Gesicht. Die Ähnlichkeit war verblüffend. Ich betrachtete mein Spiegelbild und verglich mich mit ihr. Ich hatte dieselben müden, schwarzumrandeten Augen. Auch der verkniffene Gesichtsausdruck glich dem ihren.

Gut, ich hatte in dieser Nacht lange gearbeitet. Kaum geschlafen. Und ich muss zugeben, die letzten Tage waren auch nicht sehr viel besser. Meine Arbeit hatte mich fest im Griff. Ich hatte nicht einmal die Zeit, genauer darüber nachzudenken, was das Leben gerade von mir will. Außer Arbeit.

Kennst du das auch? Du rennst den ganzen Tag wie ein Bekloppter durch die Gegend und die Arbeitsberge nehmen trotzdem nicht ab? Im Gegenteil. Fast hat es den Anschein, als würden die Berge immer höher werden, je mehr du dich bemühst, je schneller du rennst.

Was würdest du tun, wenn dein Leben vor dir stünde?

Leben zu Besuch
cuncon / Pixabay

Würdest du sagen:

Hey, wie schön, dass du vorbeischaust, aber ich habe gerade wirklich keine Zeit! Könntest du vielleicht später…oder heute Abend…oder doch lieber morgen nochmal vorbeikommen?

Vielleicht würdest du auch sagen:

Hey, das ist ja cool, dass du kommst, warte kurz, ich schreibe mal eben noch die Whatsapp fertig, erledige noch das wichtige Telefonat und dann, dann habe ich ein knappes halbes Stündchen Zeit!

Vielleicht würdest du es etwas schräg begrüßen mit den Worten:

Hey grüß dich, was führt dich denn hierher?“ (und du denkst dir im Stillen: „Mist, das ist mir jetzt aber wirklich ungeschickt, warum kann sich das Leben denn nicht vorher anmelden?“)

Früher ertappte ich mich häufig dabei, dass ich das Leben komplett vergessen habe.

Dabei bin ich doch sonst ein sehr aufmerksamer und zuverlässiger Mensch.

Ich rannte meinen Terminen hinterher, oder voraus. Ich führte unzählige Listen über meine To-Do’s, versorgte meinen Haushalt, beantwortete meine Mails, drückte noch mehr Termine in meinen vollen Kalender, postete jeden Tag fleißig meine Beiträge auf Facebook, versuchte an jeden Geburtstag meiner Freunde zu denken…

Vielleicht hätte ich das Leben irgendwann tatsächlich komplett übersehen, wäre es nicht so liebevoll und kreativ gewesen, mich regelmäßig in spannenden Verkleidungen zu besuchen:

Mal taucht es als Miesepeter mit dunkelgrauen Schlechte-Laune-Gewand vor mir auf, mal als Hans-Guck-in-die-Luft, das sich an allen Ecken und Enden anstieß.

Zeitweise zeigte es sich als schwammiger Trauerkloß mit schokoladeverschmierten Lippen und einem riesigen Taschentuch-Paket.

Dann verkleidete es sich als altes Hutzelweib, mit dunklen Augenringen und einem verkniffenen Gesichtsausdruck.

Hin und wieder nistete es sich rotzfrech als brüllender Reporter in meinem Gehirnkino ein und verbreitete eine Menge Bad News.

Manchmal warf es sogar mit Bakterien und Viren um sich. Um dann noch zu behaupten, dass ich jetzt endlich eine gute Ausrede hätte, mal einen Gang runter zu schalten.

Nicht selten stellte es sogar noch eine große Portion Kummer vor die Türe. Und spätestens dann wusste ich, dass ich mich wieder um MEIN LEBEN kümmern muss.

Doch wie wirst du denn nun ein wirklich guter Gastgeber für das Leben, wenn es vor deiner Türe steht?

Leben zu Besuch
StockSnap / Pixabay

Nun, du könntest deinen Terminplaner zum Öffnen an die Türe schicken und ausrichten lassen, dass zurzeit leider niemand zu Hause ist.

Du könntest auch zur Begrüßung sagen „Ach, das wäre doch nicht nötig gewesen, dass du extra vorbei kommst.“

Was glaubst du: Würde es dann bleiben wollen? Würde es sich dann bei dir wohlfühlen und dir richtig geniale Geschenke vorbei bringen?

Ich glaube, das Leben ist ein verdammt guter Freund.

Und als solchen, sollten wir es auch behandeln. Dazu gehört, dass wir uns Zeit nehmen, wenn er vorbei schaut.

Wir sollten uns ihm gegenüber nicht verleugnen, sondern diesen wundervollen Freund mit offenen Armen und Ohren empfangen.

Und nicht nur uns selbst wichtig nehmen, sondern uns mit Liebe und Geduld und Achtsamkeit um ihn kümmern.

Probiere es mal aus. Vielleicht klappt es nicht gleich auf Anhieb.

Weil wir bis gestern nicht gerade freundlich mit unserem verdammt guten Freund umgegangen sind.

Weil wir ihn zu oft vor den Kopf gestoßen und ignoriert haben.

Weil wir ihm kein Vertrauen entgegengebracht haben.

Doch glaub mir, mit ein bisschen Mühe wird sich eure Beziehung verändern. Und dann kommen die wirklich erfreulichen Geschenke. In Hülle und Fülle und ohne irritierende Verkleidung.

Ich öffne meinem Leben jeden Morgen die Türe mit dem Satz: WOW, wie schön, dass du da bist. Lass uns den Tag gemeinsam verbringen. Weil DU wichtig bist.

Herzlichst

Silke

Artikel von

Silke

Silke

Silke, die empathische LebensDolmetscherin®, übersetzt auf unnachahmliche Weise, wie dein Leben „tickt“ und wie du es wieder zu DEINEM Leben machst. Die Expertin für alltagstauglich umsetzbare Lösungen in Stress- und Krisenzeiten arbeitet seit 20 Jahren als Dipl.liz.Antistresstrainerin® und Seminarleiterin. Ihr Statement: Komprimierte, intensive Wochenend-Auszeiten sind weitaus effektiver als termin-aufwändige Einzel-Coachings. Als Vollblut-Trainerin setze ich seit vielen Jahren auf  kreative, persönliche „Live-Trainings“, immer auf Augenhöhe mit meinen Klienten. Silke ist verheiratet und Mutter von 2 erwachsenen Töchtern

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Silke, die empathische LebensDolmetscherin®, übersetzt auf unnachahmliche Weise, wie dein Leben „tickt“ und wie du es wieder zu DEINEM Leben machst. Die Expertin für alltagstauglich umsetzbare Lösungen in Stress- und Krisenzeiten arbeitet seit 20 Jahren als Dipl.liz.Antistresstrainerin® und Seminarleiterin. Ihr Statement: Komprimierte, intensive Wochenend-Auszeiten sind weitaus effektiver als termin-aufwändige Einzel-Coachings. Als Vollblut-Trainerin setze ich seit vielen Jahren auf  kreative, persönliche „Live-Trainings“, immer auf Augenhöhe mit meinen Klienten. Silke ist verheiratet und Mutter von 2 erwachsenen Töchtern

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