Loslassen von lieb gewordenem

Loslassen

Es gibt Lektionen im Leben, die lernt man nicht einmal oder zweimal oder dreimal. Die muss man immer wieder lernen. Eine der schwersten Lektionen für mich ist das Loslassen von lieb gewordenem.

Dinge ändern sich. In unserer heutigen Zeit ändern sie sich sogar besonders schnell. Manchmal ändert sich das ganze Leben an einem einzigen Tag.

Vermutlich ist das auch ein Grund dafür, dass wir manches, was uns lieb und teuer ist, besonders verzweifelt festhalten wollen. Um uns die Illusion von Sicherheit zu bewahren.

Um uns zu verorten in einer verrückten Welt. Aber es hilft alles nichts. Wir müssen lernen loszulassen.

Dinge, die nicht mehr zu reparieren sind. Orte, die wir hinter uns lassen. Menschen, die wir lieben. Gewohnheiten, Regeln und Gebräuche.

Eine besondere Tradition

So lange ich denken kann, haben wir in unserer Familie einen besonderen Weihnachtsbrauch.

An jedem ersten Weihnachtsfeiertag haben wir unsere Arbeitssachen angezogen, sind alle ins Auto gestiegen und auf eine nahe gelegene Streuobstwiese gefahren.

Da haben wir von alten Apfelbäumen in komfortabler Höhe Mistelzweige abgeschnitten.

Die wurden direkt danach verteilt, an Menschen, die uns in dem Jahr besonders wichtig gewesen sind. Und die wir mit einem kleinen grünen Geschenk beglücken wollten.

Wir haben sie an die Tür gehängt, geklingelt und uns dann aus dem Staub gemacht.

Erst danach konnten wir das Jahr loslassen.

Manchmal haben unsere Freunde noch im Sommer gerätselt, welcher Verrückte ihnen die Weihnachtsgrüße an die Tür gehängt hat.

So viele schöne Erinnerungen

Loslassen
PublicDomainPictures / Pixabay

Im Laufe der Jahre gab es Regen, Schnee, vereiste Straßen, so viel Matsch, dass wir bis über die Knöchel eingesunken sind und Fotos, Fotos, Fotos.

Eines der ältesten ist ein vergrieseltes Schwarz-Weiß-Foto. Darauf bin ich selbst. Vielleicht vier Jahre alt, eingemummelt in einen dicken Mantel, mit einem winzigen Zweig in der Hand und versuche die klebrigen weißen Mistelfrüchte von meinen Handschuhen zu reiben.

In einer langen Reihe von Fotos, bin ich erwachsen geworden, Partner sind dabei gewesen und wieder verschwunden, meine Kinder sind nacheinander auf den Bildern aufgetaucht und größer geworden.

Dann waren meine Eltern nicht mehr da. Das Foto vom letzten Jahr zeigt einen grünen Mistelbaum, im Licht einer winterlichen Sonne.

So viele Jahre, so viele Weihnachten tauchen auf und verschwinden wieder in meiner Erinnerung. Und jedes Mal ein Lächeln.

Heute Nachmittag bin ich auf der Wiese gewesen, um nach dem Rechten zu sehen.

Das habe ich in den letzten Jahren immer in der Vorweihnachtszeit getan.

Nur um sicher zu stellen, dass alles in Ordnung ist.

Der Regen kam von allen Seiten und hat ein Muster auf meine nagelneue Daunenjacke gemalt.

Der Wind jagte die Wolken über den grauen Himmel.

Und dann tauchten hinter der kleinen Kuppe nicht mehr die charakteristischen Kugeln in den Bäumen auf.

Die Apfelbäume, von denen wir im letzten Jahr noch die immergrünen Zweige herunter geholt haben, sind sauber beschnitten.

Und in den gestutzten Laubkronen gibt es keine einzige Mistel mehr.

Was machen wir denn jetzt?

Ich kann loslassen.

Manchmal habe ich Gewohnheiten hinter mir gelassen, die mich gestört haben und mich nicht einmal mehr danach umgedreht.

Ich habe mir Dinge aus dem Herzen gerissen, die mir nicht gut getan haben. Aber diese saubere Wiese hat mich völlig kalt erwischt.

Was machen wir denn jetzt am ersten Feiertag? Was legen wir meiner Mutter aufs Grab? Wie füllen wir diesen Feiertag?

Weihnachten war für mich nicht der 24. Dezember mit Würstchen und Kartoffelsalat und einem Besuch zur nachmittäglichen Christvesper.

Weihnachten waren auch nicht nur die Geschenke und das Schmücken des Baums mit dem alten Glasschmuck der Familie.

Weihnachten war für mich der Gang durch die feuchte Wiese. Meine Familie, die extra für diese Tradition zusammen gekommen ist. Der Kaffee nach dem Verteilen der Misteln. Das Lächeln unserer Freunde.

Jetzt müssen wir uns einen neuen Mistelbaum suchen. Oder eine neue Tradition.

Aber das ist nicht so einfach.

Warum machen manche Dinge einen so großen Teil unseres Lebens aus? Und geht es meiner Familie genauso? Vielleicht ist diese Tradition für sie längst ein totes Ritual gewesen?

Was bedeutet eigentlich Loslassen?

Loslassen
cocoparisienne / Pixabay

Loslassen von lieb gewordenem.

Loslassen bedeutet Veränderung.

Manche Leute bekommen die Panik, wenn die Verkehrsführung in ihrer Straße geändert wird, oder der Supermarkt umgeräumt wird. Loslassen bedeutet nach vorn zu sehen.

Vielleicht wird es ein paar Jahre, ein paar Weihnachten dauern, bis ich etwas gefunden habe, was diese Lücke schließt. Vielleicht finde ich nie etwas.

Und ich weiß nicht einmal, ob ich diese Lektion wirklich im Moment für mein Leben brauche.

Dinge ändern sich. Auf der Streuobstwiese wird es vielleicht im nächsten Jahr endlich wieder Äpfel geben.

Das wird dem Besitzer sicherlich Freude machen. Das hoffe ich wenigstens.

Vielleicht kehren die Misteln zurück. Und es gibt nur dieses eine Jahr eine Pause für meine geliebte Tradition.

Für dieses Jahr habe ich mir die 24 schönsten Mistelbilder herausgesucht und damit meinen Adventskaldender gestaltet.

Bis zu Heiligabend habe ich ja noch ein bisschen Zeit.

Vielleicht hilft es mir, jeden Tag einen kleinen Mistelmoment zu haben und mir fällt noch etwas ein, womit wir diesen Tag sinn- und freudevoll füllen können.

Das Leben ist ein Kasper

Ich habe diese Geschichte einer Freundin erzählt. Sie hat gelacht.

„Du musst das Loslassen von lieb gewordenem nicht lernen!“, hat sie gesagt, „Manchmal gibt es keine Lektion. Das Leben ist ein Kasper, der dir mit dem Knüppel vor’s Schienbein haut und sich kaputt lacht.“

Sie hat Recht.

Manchmal hat das Leben keine Lektion für dich, sondern nur einen schlechten Scherz.

Loslassen ist gut.

„Werde damit fertig, egal wie“, fordert dich das Leben auf und das werde ich auch.

Aber es ist trotzdem okay, wenn ich mich ein wenig darüber ärgere. Oder traurig bin.

Unseren besten Freunden, den die jeden Jahr auf unseren kurzen Besuch und auf den grünen Buschen warten, werde ich eine Mistel-Weihnachtskarte schicken.

Sie werden das verstehen, obwohl ich sicher bin, dass es ihnen genauso fehlen wird, wie mir.

Meine Kinder haben mich in den Arm genommen und mir versichert, dass wir etwas anderes finden, in dass wir genauso hineinwachsen werden, wie das Misteln.

Sie haben mir einen kleinen Mistelzweig vom Weihnachtsmarkt mitgebracht und wir haben ihn gemeinsam über die Wohnungstür gehängt.

Ein bisschen trotzig und ein bisschen glücklich.

Artikel von

Mirjam Hoff

Mirjam Hoff

Mirjam Hoff ist ausgebildete Betonwerkerin hat als Sekretärin, Projektassistentin, Qualitätsmanager, Tutor und in vielen anderen Berufen gearbeitet. Nach einige Jahre, die sie in den USA verbracht hat, wendete sie sich dem Schreiben zu. Sie hat inzwischen 4 Bücher veröffentlicht. Ihre Themen sind Balance und die Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen. Dafür findet sie in ihrer Arbeit als Autor viele Impulse.

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Mirjam Hoff ist ausgebildete Betonwerkerin hat als Sekretärin, Projektassistentin, Qualitätsmanager, Tutor und in vielen anderen Berufen gearbeitet. Nach einige Jahre, die sie in den USA verbracht hat, wendete sie sich dem Schreiben zu. Sie hat inzwischen 4 Bücher veröffentlicht. Ihre Themen sind Balance und die Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen. Dafür findet sie in ihrer Arbeit als Autor viele Impulse.

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