Neues lernen – mit dem Kursheft der Volkshochschule

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Als ich vor zwanzig Jahren meinen Führerschein gemacht habe, hat mir mein Fahrlehrer eine wichtige Lektion beigebracht. „Du musst“, hat er gesagt, „entweder aufs Gas treten oder auf die Bremse. Beides geht nicht.“

Im Laufe der Zeit habe ich allerdings feststellen müssen, dass das gar nicht so einfach ist. Ich habe Spaß an ganz vielen Dingen, aber ich habe auch Angst davor, Neues zu lernen. Neuen Situationen ausgesetzt zu sein. Neue Leute kennen zu lernen. Ich bin tatsächlich jemand, der immerzu beides macht. Was bedeutet, dass ich oft nicht richtig in die Gänge komme.

Nicht richtig in die Gänge zu kommen, bedeutet dann, dass ich für manche Dinge mehr Zeit brauche, als nötig wäre. Dabei habe ich so viel zu tun. Meine Löffelliste ist ellenlang und immer kommen neue Einträge dazu. Früher habe ich mich gefragt, wie ich das jemals alles schaffen soll? Aber ich habe mir inzwischen eine ganz passable Toolbox gepackt, die mir dabei hilft.

Ein Hilfsmittel aus meiner Toolbox

Jedes Jahr zweimal – in den Winterferien im Februar und dann in den großen Ferien im Sommer – warte ich ungeduldig auf das Programmheft der Volkshochschule. Ihr wollt wissen, warum das Kursheft der Volkshochschule in meine Toolbox gehört?

Eigentlich ist es  gar kein Heft? Es ist ein dickes Buch, gefüllt mit vielen bunten und spannenden Ideen und Möglichkeiten, zu einem kleinen Preis. Etwas daraus spricht mich immer an, meine Komfortzone zu verlassen und mir – einen nach dem anderen – meine Wünsche zu erfüllen. So habe ich schon Irisch gelernt und Felsklettern. Ich habe getöpfert und etwas über keltische Geschichte gelernt.

Als ich im Februar auf meiner Komfortzone saß (meine schicke, blaue, kuschelige, riesige Couch im Wohnzimmer) fiel mein Blick auf eine Kurseinladung, die mein Herz sofort höher schlagen ließ. Da stand in großen Buchstaben „Schnupperkurs Fechten“.

Warum gerade Fechten?

Fechten wollte ich schon als Kind. Wer fechten konnte, war geschickt, mutig und schnell. Er liebte das Abenteuer und stand für seine Überzeugungen ein. Wer fechten konnte, der hatte Klasse. Meine Helden waren Fanfan – der Husar, Zorro und dArtagnan. Aber Fechten war zu meiner Kinder- und Jugendzeit ein Sport für einige wenige Auserwählte. Zu dieser Elite gehörte ich nicht. Also ist es in Vergessenheit geraten, wie so vieles andere auch, und schickte nur immer wieder mal eine kleine Sehnsüchtelei, wenn es eine Neuverfilmung der Drei Musketiere gab oder einen anderen Mantel- und Degenfilm.

Kurz entschlossen verließ ich also meine Komfortzone – ja, dort fühle ich mich sicher und geborgen (aber wer will denn schon immer nur auf der Couch sitzen?) – und meldete mich zu meinem Schnupperkurs an. Und dann lernte ich, so nach und nach, dass Fechten sehr viel mit einem selbstbestimmten Leben zu tun hat.

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MichaelWuensch / Pixabay

Es geht los

Sehr, sehr aufgeregt traf ich zwei Wochen später im Kellerstudio des Artos Fechtstudios ein. Ich war ein wenig zu früh dran und platzte direkt in den Kinderkurs. Nach und nach trudelten die anderen Mitglieder des Kurses ein. Jeder von uns bekam einen vollen Satz Fechtkleidung, eine Maske und einen Degen. Und dann ging es los. Mit kurzen Sprints und Schritt-Training quer durch den Keller. Wir zielten mit der Spitze des Degens auf winzige Kreuze, die auf ein Stosskissen gezeichnet waren. Ein Training, bei dem es auf den richtigen Fokus, Tempo und die perfekte Kraftaufwendung ankommt.

Passender Artikel:  Lebenserfahrung: 10 Dinge, die du nicht in der Schule gelernt hast

Hier hatte ich keine Möglichkeit mehr, auf die Bremse zu treten. Und obwohl ich mich ganz eindeutig außerhalb meiner Komfortzone befand, fühlte ich mich schon bald sehr gut, zwischen all diesen Verrückten, die alle etwas Neues lernen wollten. Es war schön, dass wir uns alle irgendwie ein bisschen ungeschickt anstellten.

Und dann stand mir bei meinem ersten echten Kampf ein Muskelmann gegenüber. Die Beine, wie Baumstämme. Der Brustkorb, wie ein Fass. Ich hatte doch gar keine Chance. Wie wir es vorher gelernt hatten, grüßte ich ins Publikum, zum Trainer hinüber und dann meinem Gegner zu. Fechten ist ein sehr höflicher Sport. „Haltung“, mahnte der Trainer. Ich straffte meinen Rücken, korrigierte meine Deckung, ging tiefer in die Knie, atmete noch einmal durch und ging zum Angriff über. Ein Degen-Fechtmatch ist eine kurze Angelegenheit. Es reicht, den Gegner einmal kurz mit dem Degen anzutippen, um den Punkt zu gewinnen. Danach trifft man sich wieder an der Mittellinie.

Es kommt darauf an, die Taktik des Gegners zu durchschauen. Dafür darf man nicht auf das Gesicht schauen, denn das ist gut hinter der dichten Maske verborgen. Ein Schritt, eine Handbewegung müssen dir verraten, was dein Gegner vorhat. Eine Schwäche in seiner Deckung, muss man schnell und entschlossen ausnutzen. Und du solltest versuchen, so unberechenbar wie möglich zu sein. Dafür pariert man Angriffe, nutzt Finten, kombiniert Angriff mit Verteidigung. Fechten ist wie Tanzen. Ein ständiges Auf und Ab. Hin und Her. Manchmal gewinnt man und manchmal zieht man den Kürzeren.

 

Blaue Flecken sind nicht immer schlecht

An manchen Abenden habe ich jede Menge blaue Flecken mit nach Hause genommen. Aber ich habe auch oft gewonnen. Auch gegen Gegner, die größer und stärker waren, als ich. Weil ich schneller war, oder sie besser lesen konnte. Und dann konnte ich wieder gegen sie antreten, weil  ich nicht mehr so viel Angst hatte.

Nach meinem Schnupperkurs machte ich einen Haken auf meine Löffelliste. Ich hatte Fechten gelernt und fühlte mich cool. Außerdem hatte ich endlich mal ausprobiert, was passiert, wenn man den Kopf ausschaltet und aufs Ganze geht. Ich hatte gelernt, Körpersprache besser zu lernen. Ich hatte gelernt, ab und zu mal einen Treffer einzustecken und trotzdem nicht gelähmt vor Angst zu sein. Nebenbei hatte ich meinen eigenen Körper wieder ein wenig besser kennen gelernt und ihn zu einer Leistung getrieben, die ich mir selbst am wenigsten zugetraut hatte. Bei allem hatte ich wieder und wieder Haltung bewahrt.

Wieder raus, aus der Komfortzone

Für den Herbst habe ich mich für einen neuen Kurs an der Volkshochschule angemeldet: „Goldschmieden“. Das wollte ich schon als Kind lernen. Ich wollte meinen eigenen Ring entwerfen und ihn irgendwann an meinen Finger stecken. Mein Vater hat mir oft gesagt, dass ich völlig unfähig bin, handwerklich zu arbeiten. Das werden wir ja sehen! Und dabei gibt es sicher auch jede Menge, etwas anderes zu lernen. Und wenn es mir nicht gefällt, setze ich mich danach auf meine blaue Couch und trinke einen schönen warmen Kakao.

Artikel von

Mirjam Hoff

Mirjam Hoff

Mirjam Hoff ist ausgebildete Betonwerkerin hat als Sekretärin, Projektassistentin, Qualitätsmanager, Tutor und in vielen anderen Berufen gearbeitet. Nach einige Jahre, die sie in den USA verbracht hat, wendete sie sich dem Schreiben zu. Sie hat inzwischen 4 Bücher veröffentlicht. Ihre Themen sind Balance und die Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen. Dafür findet sie in ihrer Arbeit als Autor viele Impulse.

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Ja, das passt natürlich ;-)

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Mirjam Hoff

Mirjam Hoff

Mirjam Hoff ist ausgebildete Betonwerkerin hat als Sekretärin, Projektassistentin, Qualitätsmanager, Tutor und in vielen anderen Berufen gearbeitet. Nach einige Jahre, die sie in den USA verbracht hat, wendete sie sich dem Schreiben zu. Sie hat inzwischen 4 Bücher veröffentlicht. Ihre Themen sind Balance und die Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen. Dafür findet sie in ihrer Arbeit als Autor viele Impulse.

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