Es geht doch noch besser! Wie es in den Wahnsinn treibt, perfekt sein zu wollen

Photo by Danielle MacInnes

Für Perfektionisten gibt es kein gut – es muss hundertprozentig sein und oft genügt es dann immer noch nicht den eigenen Ansprüchen. So treiben sie sich langsam aber sicher in den Wahnsinn – oder auch gern mal in den Burnout.

Perfektionismus ist eine Charaktereigenschaft, die gemischt mit weiteren Eigenschaften unweigerlich in den Burnout führt.

Wie du es schaffen kannst, deinen inneren Perfektionisten zu zähmen und deinen inneren Druck zu reduzieren, zeige ich dir in diesem Artikel.

Warum sind Perfektionisten unglücklich?

Aus welcher Motivation heraus gehen Perfektionisten ihre Aufgaben an? Was glaubst du?

Wollen sie immer besser sein als andere und allen etwas beweisen?

In meinem neuen Buch beschreibe ich Perfektionismus so:

„Ist der Alltag durch Perfektion geprägt, versuchen wir selbst die kleinsten Aufgaben nicht mehr nur gut zu erledigen, sondern perfekt zu erfüllen. Es soll makellos sein. Wir streben danach, jeden Tag besser zu werden und die Dinge besser zu machen als bisher. Perfektionisten wollen unbedingt Fehler vermeiden!

Während meiner Recherche für dieses Buch bin ich auf die Beschreibung von N. Spitzer (N.Spitzer, Perfektionismus überwinden, Springer-Verlag GmbH 2017) aufmerksam geworden, dass Perfektionismus eine Art Lebensstil ist, eine persönliche Neigung, die sich nur auf einen Lebensbereich oder den gesamten Way of Life beziehen kann. Erst mal klingt das nicht schlimm oder gar tragisch.

Perfekt sein und Fehler vermeiden wollen, ist schließlich nichts Ungutes. Aber die Angst, Fehler zu machen!

Wie lebt nun ein Perfektionist? Ich selbst hatte Angst, Fehler zu machen und vor anderen Menschen schlecht dazustehen und mich zu blamieren. Deshalb war ich immer in Bewegung und strebsam. Ich verlangte mir stets 100 % oder besser noch mehr ab.

Setzen sich Perfektionisten ständig unter Druck und geraten per se in eine Überforderung?

Ich denke ja, denn das Motto „höher, schneller, weiter“ zieht sich durch alles, was ein Perfektionist sich selbst abverlangt. Und nicht nur das, fehlerlos soll es auch noch sein. Die eigenen Handlungen mutieren zu Leistungen, die den höchsten (eigenen) Maßstäben genügen müssen. Und wenn du selbst Perfektionist bist, weißt du, dass die Latte sehr, sehr hoch liegt und fast unerreichbar ist. Die meisten Perfektionisten sind gleichzeitig Workaholics.

Kein Wunder, würden sie nicht ständig in Bewegung sein, so glauben sie, dass sie ihre Ziele nie erreichen und nie gut genug sein werden.“

Einem Perfektionisten geht es in erster Linie darum, die Angst vor Fehlern nicht spüren zu müssen. Also in allem inneren Druck steckt die Angst vor der Angst.

Wie kann man glücklich sein, wenn die Angst im Nacken sitzt?

Gar nicht. Und das ist das größte Problem. Denn was will jeder von uns? Glücklich sein.

Ein Perfektionist glaubt, wenn eine Sache perfekt läuft wird er glücklich sein. Aber dazu kommt es kaum bis gar nicht. Denn meistens entsprechen erfüllte Aufgaben nie seinem anvisiertem Ideal. Es geht irgendwie immer besser.

Wäre dieses Muster „perfekt sein müssen“ nicht da, könnte der Noch-Perfektionist leichter leben und vielleicht sogar glücklich sein! Aber wie?

Wie kann ein solch festgefahrenes Muster durchbrochen werden?

Denn eigentlich ist es doch nicht verwerflich keine Fehler machen zu wollen und alles immer gut abzuliefern. Es ist doch gar nicht tragisch sich seine besten Leistungen abzuverlangen und immer 100 % Leistung bringen zu wollen. Richtig?

Aber was passiert, wenn wir diesem inneren Druck ständig unterliegen? Wir häufen eine Menge Stress an, lassen das was das Leben schön macht vollkommen außen vor. Wir ignorieren eigene Bedürfnisse und Befindlichkeiten. Vielleicht fangen wir sogar irgendwann an, andere mit unserer Art, zu verletzten. Das merken wir gar nicht, weil wir in diesem Muster gefangen sind. Wir merken nicht mal, wenn der Körper eindeutige Zeichen gibt, dass unser Perfektionismus übertrieben ist und uns krank macht. Häufige Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Schwindel und Übelkeit sind typische körperliche Anzeichen, dass etwas nicht ganz richtig läuft.

Perfektionist vs. Leistungsorientierter

Der Perfektionist ist unglücklich und seinem Zwang unterlegen keine Fehler zu machen, der Leistungsorientierte hingegen liebt, was der tut.

Wie schaffen wir es nun vom Perfektionisten zum leistungsorientierten Menschen zu werden?

Das ist übrigens nur einer von vielen Wegen, die du unternehmen kannst, um deinen inneren Perfektionisten zu zähmen und in eine gute Energie zu verkehren.

Ich persönlich war mega perfektionistisch und damit auch mega unglücklich. Als ich das erkannt habe, wollte ich unbedingt etwas verändern. ABER ich wollte auch meine Leistung beibehalten. Mir ist es wichtig gut zu sein und das was ich kann auch zu liefern. Ich wollte weiterhin mein volles Potenzial anzapfen.

Gelungen ist mir das mit nur einem einzigen Wort! Ich wurde zu einem leistungsorientierten Menschen, die liebt, was sie tut. Perfektionismus war gestern.

Das war ein echter Gamechanger in meinem Leben. Gamechanger, ein tolles Trendwort. 🙂

In 3 Schritten zum leistungsorientierten Menschen:

  1. Abwägen was wirklich wichtig ist und ernsthaft eigene Handlungen reflektieren
  2. Unwichtiges und nicht Dringendes bewusst liegen lassen
  3. Die Gefühle bewusst wahrnehmen und spüren, was dahinter steckt. Welche Angst blockiert mein Sein?

Was ist wirklich wichtig?

Ich habe angefangen mir eine Grafik anzulegen, in der ich meine TODOs eintrage. Und zwar nach Kategorien geordnet.

Oben rechts stand „wichtig und dringend“, oben links stand „wichtig aber nicht dringend“. Unten rechts stand „dringend aber nicht wichtig“ und unten links „nicht wichtig und nicht dringend“.

Wenn du ein A 4 Blatt in der Mitte faltest, einmal quer und einmal senkrecht, hast du 4 gleich große Rechtecke. So kannst du sehr leicht beginnen und deine Aufgaben ordnen.

Ein Perfektionist hält sich nämlich auch sehr gern an Sachen auf die unwichtig und nicht dringend sind. Das kennst du vielleicht.

Ich habe das mit Vorliebe gemacht und dann, wenn es zeitlich eng wurde hatte ich noch mehr Stress. Ein ewiger Kreislauf. Dadurch, dass alles perfekt sein muss und immer wieder Punkte gefunden werden, die verbessert werden können, findet ein Perfektionist oft kein Ende. Und wenn das Ende in Sicht ist, kommt ein neues Projekt hinzu. Eine Endlosspirale.

Also schaffst du es, deine Aufgaben zu sortieren, hast du einen besseren Überblick. Schaffst du es jetzt noch all deine Handlungen zu reflektieren und ehrlich zu dir selbst zu sein, fällt es dir leichter Aufgaben abzuschließen.

Wichtig war für mich, dass ich ein Häkchen machen konnte, wenn eine Aufgabe erfüllt ist. Das hat mir gezeigt, dass ich etwas schaffe. Denn irgendwie hatte ich immer geglaubt, ich würde nie etwas schaffen und nicht zum Ende kommen.

Unwichtiges und nicht Dringendes bewusst liegen lassen

Oha, das ist eine echte Herausforderung. Denn meistens fühlen sich diese Dinge besonders beim Erledigen gut an. Sie kosten wenig Nerven und sind wenig anstrengend. Aber der Perfektionist verliert sich in den Details und vergisst die Zeit, so dass er wieder in dieser Spirale landet und der Zeit hinterher hetzt. Am Ende kosten also auch diese Aufgaben Nerven.

So habe ich die Aufgaben, die nicht dringend und unwichtig waren einfach ganz bewusst liegen lassen. Sie kamen dann dran, wenn sie dringender wurden oder wichtig, aber nicht als erstes!

Sich selbst wahrnehmen – eigene Ängste erkennen

Selbst zu spüren, dass man Angst vor etwas hat – wie zum Beispiel die Angst Fehler zu machen, doof da zustehen, ausgelacht oder verspottet zu werden oder ähnliches, kann ganz schön lähmend sein. Vielleicht gehen wir total in dieses Gefühl hinein und es wird erstmal schlimmer. Das ist normal, so funktioniert unser Geist.

Wohin wir uns fokussieren, fließt unsere Energie. Es gibt also in dem Fall eine Verstärkung. Das Gute ist, was in die eine Richtung funktioniert, geht auch in die andere Richtung.

Ich wollte immer herausfinden, warum ich diese Angst habe, Fehler zu machen. Wo kommt das her? Und ist das eine Angst, die mir heute hilft? Vor was will mich dieses Gefühl beschützen?

Das sind die Kernfragen, die du dir genauso stellen kannst, um Antworten zu finden.

Finde Antworten in 3 Schritten:

  1. Schließe deine Augen und stelle dir vor deine Angst wäre eine Person. Wie sieht diese Person aus? Ist sie groß oder klein? Dunkel oder hell? Oder ist es nur eine Form? Oder ein Tier? Egal wie die Angst aussieht, sie ist da, um dir etwas zu sagen.
  2. Die Angst kann erstmal nichts sagen, nur, wenn du es ihr erlaubst.
  3. Frage deine Angst, warum sie dich begleitet und warte die Antwort ab. Frage deine Angst, welche Aufgabe sie hat. Frage deine Angst seit wann sie schon da ist. Warte die Antworten ab und bewerte nicht! Nimm einfach hin!

Nicht zu bewerten – einfach hinnehmen. Das ist der Schlüssel zum Erfolg dieser einfachen Übung.

Manchmal kann es vorkommen, dass du denkst, dass es Blödsinn ist, was da gerade für Antworten kommen. Dann schau einfach in deine Vergangenheit, bis in deine Kindheit und überlege, ob die Antworten zu der Zeit Sinn gemacht haben.

Sei liebevoll mit dir und deinen Ängsten. Nimm sie, wie sie sind und gib ihnen Zeit zu gehen, wenn du spürst, dass du sie jetzt nicht mehr brauchst.

Meine Angst Fehler zu machen, ist in meiner frühen Kindheit entstanden. Ich habe einen Fehler gemacht und wurde ganz schrecklich verspottet. Seitdem hatte ich immer inneren Druck und habe mich in der Öffentlichkeit unwohl gefühlt. Ich habe geglaubt, dass ich beobachtet werde und ausgelacht, sobald ich mich falsch benehme oder bewege. Ich war so bestrebt keine Fehler zu machen, dass mein jeder Tag einem Marathon glich. Kein Wunder, dass ich abends vollkommen fertig war.

Als ich das herausfand, musste ich zuerst lachen, denn diese Situation, wo diese Angst entstanden ist, war nun mehr als 30 Jahre her. Aus heutiger Sicht und mit dem heutigen Wissen eine absolute Lappalie.

Brauche ich diese Angst heute noch? Kann sie mich vor etwas schützen?

Nein, denn heute kann ich durch meine Erfahrung und mein Wissen, mit Lachern oder Spott ganz anders umgehen, als als 5-Jährige.

Und genau hier können für dich Veränderungen passieren: Indem du dich selbst ernst nimmst und dich wahrnimmst, mit allem was du bist – Kind, Jugendlicher, Erwachsener.

Alles Liebe für dich,

Deine Kerstin

P.S.: Mein neues Buch wird voraussichtlich Anfang nächsten Jahres veröffentlicht. 🙂 Im Newsletter werde ich regelmäßig darüber berichten.

Passender Artikel:  Die Löffelliste der Zufriedenheit - Eine Wunschliste, die dich gleich glücklich macht.

Ein Artikel von Kerstin Böcker

Artikel von

Kerstin Böcker

Kerstin Böcker

Als Autorin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie schreibt Kerstin über die Themen Burnout und Erschöpfung. Menschen auf ihrem Weg zur Heilung und zum Glück zu begleiten ist ihre Leidenschaft. Durch die eigene Burnout-Erfahrung in 2015 weiß sie ganz genau, was Betroffene brauchen um dort wieder herauszufinden. Sie lebt mit ihrer Familie in Mecklenburg-Vorpommern, ganz idyllisch inmitten wundervoller Natur. Schreiben, Meditieren und Yoga gehören in ihren Alltag.

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Ja, das passt natürlich ;-)

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Kerstin Böcker

Kerstin Böcker

Als Autorin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie schreibt Kerstin über die Themen Burnout und Erschöpfung. Menschen auf ihrem Weg zur Heilung und zum Glück zu begleiten ist ihre Leidenschaft. Durch die eigene Burnout-Erfahrung in 2015 weiß sie ganz genau, was Betroffene brauchen um dort wieder herauszufinden. Sie lebt mit ihrer Familie in Mecklenburg-Vorpommern, ganz idyllisch inmitten wundervoller Natur. Schreiben, Meditieren und Yoga gehören in ihren Alltag.

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