Vorsicht Selbstsabotage: Warum du gerade zu Beginn deiner Selbstständigkeit besonders gefährdet bist

Selbstsabotage

Der Weg in die Selbständigkeit ist lang und schwer. Nur etwa 20% der neu gegründeten Unternehmen überstehen die ersten 5 Jahre. Oft liegt es daran, dass den hoffnungsvollen Jungunternehmern das Geld ausgegangen ist, sie falsche Entscheidungen getroffen haben oder feststellen, dass es die Mühe dann doch nicht wert ist. 

Oft aber steckt hinter den offensichtlichen Gründen ein ganz anderer: die meisten erfolglosen Selbständigen haben sich selbst sabotiert.

Wie aber funktioniert die Selbstsabotage? Das zeigt die Geschichte von Ulrike

Ulrike arbeitet als Innenausstatterin. Mit den Arbeitsbedingungen ist die Angestellte in einem Einrichtungshaus längst nicht mehr zufrieden. Seit Jahren träumt sie davon, ein eigenes kleines Unternehmen zu gründen. 

Vor sechs Monaten hat sie nun den Schritt gewagt und nebenberuflich eine Selbständigkeit begonnen. Der Anfang lief gut: In den ersten zwei Monaten erstellte sie eine eigene Website, schrieb regelmäßig Artikel für ihren Blog und knüpfte die ersten beruflichen Kontakte über Facebook und Xing. 

Doch seit einigen Wochen ist nun zunehmend der Wurm drin. Der letzte Artikel ist schon 3 Wochen alt und in den sozialen Medien hat sie sich fast ebenso lang nicht mehr blicken lassen. Ihr fehlt einfach die Zeit. 

Ursprünglich wollte sie ihre Urlaubswoche dazu nutzen, um Content für ihre Website zu erstellen, jedoch kam der überstürzte Umzug ihrer besten Freundin dazwischen. Ein Gründertreffen, das sie fürs Netzwerken nutzen wollte, hatte sie wegen einer Migräne-Attacke abgesagt. Und als sie sich endlich einmal aufraffen kann, den neuesten Blogbeitrag zu schreiben, ist der Kopf leer.

Langsam wird Ulrike nachdenklich, ob sie es wirklich schaffen kann, neben ihrer normalen Angestelltentätigkeiten ein weiteres berufliches Standbein aufzubauen. Und sie überlegt sich, ob es die ganze Mühe überhaupt wert ist.

Der Saboteur mischt mit

Ulrike ist zwar der Meinung, dass sie einfach Pech hatte und aktuell der Zeitpunkt nicht der richtige ist. Aber wenn wir genau hinsehen, können wir die Handschrift ihres Saboteurs gut erkennen. Ulrike hatte beim Schreiben immer mehr Zweifel, ob ihre Beiträge gut und interessant genug sind. Die fehlende Resonanz auf ihre Beiträge verunsicherte sie. Da kam der Umzug der Freundin gerade richtig, um sich auf etwas anderes zu konzentrieren. 

Und auch die Migräne-Attacke war nicht einfach nur ein schlechtes Timing. In der Psychosomatik ist schon lange bekannt, dass Migräne oft in Zusammenhang mit innerem Stress steht. Das  Existenzgründertreffen und die Aussicht, dort wildfremde Menschen ansprechen zu müssen und sich neue Kooperationspartner zu suchen, hatten der introvertierten Frau sprichwörtlich Kopfzerbrechen bereitet.

Es waren also nicht die besonderen Umstände, die Ulrike von den nächsten Schritten in die Selbständigkeit abgehalten haben, sondern es war ihr eigener kleiner Saboteur.

Doch warum schlägt dieser kleine Fiesling immer dann zu, wenn wir doch gerade alle Unterstützung brauchen können?

Die Antwort ist ebenso kurz wie verblüffend: Unser kleiner Saboteur möchte unseren Selbstwert schützen.

Das klingt ziemlich paradox. Denn wenn du ständig einen Misserfolg nach dem anderen landest, Selbständigkeitsversuche beginnst und dann wieder fallen lässt, wie sollst du dabei deinen Selbstwert schützen? Das Gegenteil ist ja der Fall: Dein Selbstwert wird immer mehr angegriffen und die Selbstzweifel nehmen zu.

So denken wir. Aber unser Saboteur folgt einer ganz anderen Logik.

Ein kurzes Beispiel zur Verdeutlichung, wie der Saboteur denkt: Angenommen, du fällst durch eine wichtige Prüfung. Welches Szenario wäre für dich schlimmer zu verkraften? 

1) Du hast dich sehr gut vorbereitet, jede Minute gelernt, alles für die Prüfung getan, aber es hat dennoch nicht gereicht, oder 

2) Du warst zwar vorbereitet, aber kurz vor der Prüfung hattest du einen Autounfall. Es war zum Glück nur ein Blechschaden, aber dennoch warst du in der Prüfung so durch den Wind, dass du dich einfach nicht ausreichend konzentrieren konntest.

Die meisten (vermutlich auch du) werden sagen, dass die zweite Variante besser zu verkraften wäre. Denn ein Autounfall ist einfach Pech. Wäre dieser nicht gewesen, dann hättest du auf jeden Fall bestanden. 

In der anderen Variante müsstest du dir vielmehr überlegen, warum du trotz der optimalen Vorbereitung nicht erfolgreich warst. Du müsstest deine Fähigkeiten und deine Intelligenz in Frage stellen.

Und genau das will der Saboteur vermeiden! Er schlägt ja nicht immer zu. Aber immer dann, wenn er insgeheim befürchtet, dass du vielleicht nicht in der Lage bist, dein Ziel zu erreichen. Dass deine Fähigkeiten nicht ausreichend sind. Und dann sorgt er für Ablenkungsmanöver. Für Gründe, warum es dann letztendlich nicht geklappt hat. Denn solange es offensichtliche Gründe gibt, musst du dich selbst nicht hinterfragen. So die Logik des inneren Kritikers.

Zweifel
whoismargot / Pixabay

Das ist aber zu kurz gedacht

Was Ihr Saboteur dabei leider nicht bedacht hat: Natürlich fängst du trotzdem an, an dir zu zweifeln. Du bist ja nicht blöd und ganz tief in dir drin ist dir durchaus bewusst, dass die Serie von Misserfolgen und von unglücklichen Zufällen irgendwie doch mit dir zu tun hat. Und du beginnst, dich zu hinterfragen. 

Und das Schlimmste daran: Du befindest dich dann auf dem besten Weg in einen Teufelskreis: denn mit jedem Misserfolg glaubst du weniger an dich und je weniger du an deinen Erfolg glaubst, umso sicherer wird dein kleiner Saboteur auch beim nächsten Mal zuschlagen.

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Gerade zu Beginn einer beruflichen Veränderung, insbesondere bei einer Selbständigkeit bist du ganz besonders gefährdet. 

Unser Selbstwert kommt nämlich zu einem großen Teil aus Leistung. Das kennst du ja sicherlich auch: Gleich schon beim Kennenlernen kommt die Frage „Und was machst du beruflich so?“ 

Vielleicht antwortest du begeistert und erzählst ausführlich von deinem interessanten und herausfordernden Job. Vielleicht aber ist es dir auch peinlich, dass du „nur“ dies oder das geworden bist, obwohl du doch mehr hätten erreichen können. Beide Reaktionen – Stolz oder Scham- zeigen, wie dein Selbstwert mit deinem Beruf verknüpft ist.

Und nun wagst du diesen Schritt in die Unabhängigkeit – eine schwere Belastungsprobe für deinen Selbstwert. Denn plötzlich musst du dich verkaufen. Dein Produkt – und damit du selbst – steht auf dem Prüfstand. Ich weiß selbst, wie herausfordernd es ist, weiterhin zuversichtlich zu sein und an sich selbst zu glauben, wenn gerade zu Beginn einer Selbständigkeit wenig Resonanz kommt.

Was kannst du also tun, um nicht in die Selbstsabotage-Falle zu tappen?

1) Hör auf, dich mit anderen zu vergleichen.

Das ist einer der häufigsten Fehler. Klar, wir brauchen Vorbilder, gerade wenn wir uns auf unbekanntes Terrain wagen. Vorbilder inspirieren uns, sie zeigen uns, wo wir hinwollen und wir können von ihnen lernen. Aber: stattdessen vergleichen wir uns. Wir sehen, was wir noch nicht alles können, was der Andere besser macht, und dass er so viel mehr Website-Besucher hat als wir. Ist ja auch klar: Er ist schließlich schon viel länger dabei.

Also tappe nicht in die Falle, dich mit jemanden zu vergleichen, der ein alter Hase ist. Nimm ihn dir vielmehr als Lehrer und Vorbild. Statt „Das kann ich längst nicht so gut wie der“ sage dir „Da will ich hin“.

2) Mach dir deine Fortschritte bewusst.

Überlege mal, was du vor einem Jahr noch nicht konntest oder wusstest. Du wirst erstaunt sein, was du in dieser Zeit alles gelernt und eventuell sogar schon verändert hast. Am besten legst du dir ein kleines Fortschritts-Tagebuch an, in dem du jeden Tag aufschreibst, was du heute getan und erfahren hast, was dich deinem Ziel ein Schrittchen näherbringt.

Übrigens: auch eine Enttäuschung kann ein Fortschritt sein. Du hast vielleicht festgestellt, dass eine bestimmte Methode nicht zu dir passt, oder dass eine Idee so nicht so klappt wie gedacht. Auch dadurch bist du einen Schritt weiter. Weil du die nicht-passenden Optionen dadurch aussortierst. Bis du einen Weg findest, der funktioniert.

3) Erwarte am Anfang nicht zu viel.

Es gibt einen schönen Spruch: „Die meisten überschätzen, was Sie in zwei Jahren schaffen können und unterschätzen, was sie in zwanzig Jahren schaffen können.“ Mach nicht den Fehler, dass du dir am Anfang zu viel vornimmst und dann entmutigt bist. Gerade am Anfang geht es eher langsam voran. (Natürlich gibt es Ausnahmen, aber geh mal davon aus, dass du zur statistischen Mehrheit gehörst.) Doch mit der Zeit wird dein Business Fahrt aufnehmen. Vorausgesetzt, du hast nicht schon vorher frustriert abgebrochen. 

Daher setze dir gerade am Anfang ganz kleine Schritte und mach sie erst mit der Zeit größer.

4) Mein letzter Tipp: Selbstwert setzt sich aus vielen Komponenten zusammen.

Du bekommst Selbstwert durch bereichernde Freundschaften, durch Hobbys, in denen du ganz aufgehen kannst, durch deine Kinder oder durch ehrenamtliche Tätigkeiten. 

Wenn diese Bereiche alle flach liegen weil du dich nur auf deine berufliche Umorientierung konzentrierst, dann kann es sein, dass du deinen Selbstwert nur noch darüber stabil hältst. Das ist aber gefährlich, denn wenn deine Selbständigkeit ein Reinfall werden würde, wär dein ganzer Selbstwert futsch. 

Achte daher darauf, dass du in deinem Leben noch viele andere Dinge hast, die dir Selbstwert geben, dann kannst du im beruflichen Bereich auch einmal etwas riskieren, ohne dass dein kleiner Saboteur gleich Panik bekommt und aktiv wird.

Du siehst also: Der Start in die Selbständigkeit ist nicht einfach und die Selbstsabotage-Gefahr gerade am Anfang sehr hoch. Aber wenn du dir dessen bewusst bist und gut auf deinen Selbstwert achtest, dann schaffst du das!

Artikel von

Michaela Muthig

Michaela Muthig

Dr. Michaela Muthig ist Fachärztin, Psychotherapeutin und Buchautorin ("Der kleine Saboteur in uns", erschienen im dtv-Verlag). Als Coach hilft sie Menschen dabei, die eigenen Stolperfallen zu erkennen und zu beseitigen. Auf ihrer Website findest du zahlreiche Tipps zum Umgang mit dem inneren Saboteur: coaching-azur.de

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Ja, das passt natürlich ;-)

Artikel von

Michaela Muthig

Michaela Muthig

Dr. Michaela Muthig ist Fachärztin, Psychotherapeutin und Buchautorin ("Der kleine Saboteur in uns", erschienen im dtv-Verlag). Als Coach hilft sie Menschen dabei, die eigenen Stolperfallen zu erkennen und zu beseitigen. Auf ihrer Website findest du zahlreiche Tipps zum Umgang mit dem inneren Saboteur: coaching-azur.de

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