Du stehst vor einer Wahl. Zwei Möglichkeiten, beide plausibel, keine eindeutig besser als die andere. Die Tage vergehen, du wägst ab, holst Meinungen ein, stellst Listen auf. Und trotzdem triffst du keine Entscheidung. Nicht, weil du zu wenig weißt. Sondern weil du fürchtest, dich falsch zu entscheiden.
Diese Angst ist verbreitet. Sie taucht bei kleinen Entscheidungen auf – welches Buch kaufen, welchen Kurs belegen – und bei großen: Jobwechsel, Beziehung, Umzug. Die Schwere der Entscheidung ist dabei nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass du glaubst, es gäbe eine richtige Wahl und eine falsche.
Die Illusion der einen richtigen Entscheidung
Wenn du vor einer Entscheidung stehst, passiert oft Folgendes: Du gehst davon aus, dass eine der Optionen objektiv besser ist. Nicht besser für dich, nicht passender zu deinem Leben, sondern: richtig. Als gäbe es ein unsichtbares Koordinatensystem, in dem sich ablesen ließe, welcher Weg der korrekte ist.
Diese Vorstellung ist hartnäckig. Sie gibt vor, dass Entscheidungen etwas sind, das man lösen kann wie eine Rechenaufgabe. Genug Informationen sammeln, lange genug nachdenken, und irgendwann offenbart sich die Antwort. Das Problem: Die Antwort kommt nicht. Weil es sie nicht gibt.
Die meisten Entscheidungen sind keine Gleichungen. Sie sind Möglichkeiten, und Möglichkeiten lassen sich nicht berechnen. Sie entfalten sich erst, nachdem du dich entschieden hast.
Die Angst vor dem Bereuen
Hinter der Angst vor falschen Entscheidungen steht oft die Angst vor Reue. Du stellst dir vor, wie du in ein paar Monaten oder Jahren zurückblickst und denkst: „Hätte ich mich doch anders entschieden.“ Dieser Gedanke ist unangenehm, also versuchst du, ihn zu vermeiden. Durch Nicht-Entscheiden.
Reue ist eine seltsame Emotion. Sie entsteht, weil du glaubst, du hättest eine bessere Version deines Lebens haben können. Eine Version, die du nie kennst, weil du sie nicht gewählt hast. Diese hypothetische Version wird mit der Zeit idealisiert. Sie wird zur perfekten Alternative, die sie nie gewesen wäre.
Die Ironie: Indem du versuchst, Reue zu vermeiden, erzeugst du sie. Denn auch das Nicht-Entscheiden ist eine Entscheidung. Nur dass du sie nicht bewusst getroffen hast.
Die Last der Verantwortung
Wer sich entscheidet, übernimmt Verantwortung. Für das, was kommt. Für das, was nicht kommt. Für die Konsequenzen, die sich einstellen, auch wenn sie nicht vorhersehbar waren.
Diese Verantwortung ist schwer. Solange du dich nicht entscheidest, kannst du dir einreden, die Umstände hätten entschieden. Der Zufall. Die anderen. Alles außer du selbst. Das ist bequemer, als zu akzeptieren, dass du die Richtung deines Lebens bestimmst – und dass diese Richtung nicht perfekt sein wird.
Manchmal ist die Angst vor falschen Entscheidungen auch die Angst davor, sich als Person zu zeigen. Denn jede Entscheidung ist ein Statement darüber, was dir wichtig ist. Was du willst. Was du ablehnst. Das macht dich sichtbar, angreifbar. Nicht-Entscheiden schützt dich vor dieser Sichtbarkeit.
Das Paradox der Kontrolle
Die Angst vor falschen Entscheidungen speist sich aus dem Wunsch nach Kontrolle. Wenn du genug nachdenkst, genug abwägst, genug recherchierst, glaubst du, kannst du das Risiko minimieren. Du kannst sicherstellen, dass du dich nicht irrst.
Das Paradoxe daran: Je mehr du versuchst, alles zu kontrollieren, desto unkontrollierbarer wird es. Denn während du grübelst, verändert sich die Situation. Chancen verschwinden. Optionen, die vorher offen waren, schließen sich. Die Kontrolle, die du suchst, verlierst du durch das Festhalten an ihr.
Was bleibt
Es gibt keinen Weg, Entscheidungen zu treffen, ohne das Risiko einzugehen, dass sie sich im Nachhinein als unpassend erweisen. Das gehört dazu. Nicht als Fehler, sondern als Teil des Lebens.
Die Angst vor falschen Entscheidungen verschwindet nicht dadurch, dass du mehr weißt. Sie verschwindet dadurch, dass du akzeptierst, dass keine Entscheidung perfekt sein wird. Dass du dich irren kannst. Dass du korrigieren kannst. Dass das Leben keine lineare Strecke ist, auf der es eine einzige richtige Abzweigung gibt.
Manchmal ist die wichtigste Entscheidung nicht die, die du triffst. Sondern dass du überhaupt eine triffst.