Du schreibst eine E-Mail. Löscht den ersten Satz. Schreibst ihn neu. Löscht ihn wieder. Was zu freundlich klingt, wirkt unverbindlich. Was zu direkt ist, könnte verletzend sein. Was sachlich gemeint ist, könnte kalt rüberkommen.
Nach zehn Minuten steht da immer noch nichts.
Die Frage ist nicht, ob du zu viel nachdenkst. Die Frage ist: Nach welchem Maßstab suchst du eigentlich?
Das Phantom des Richtigen
„Richtig“ ist ein merkwürdiger Begriff. Er tut so, als gäbe es einen objektiven Punkt, an dem man ankommen kann. Eine Formulierung, die passt. Eine Entscheidung, die stimmt. Ein Verhalten, das angemessen ist.
Aber woran misst du, ob etwas richtig ist? An dem, was andere erwarten? An dem, was du von dir selbst erwartest? An einem Ideal, das du irgendwann einmal übernommen hast, ohne zu prüfen, ob es überhaupt zu dir gehört?
Die meisten Dinge, bei denen du versuchst, alles richtig zu machen, haben keinen klaren Maßstab. Es gibt keine Instanz, die dir sagt: Ja, das war jetzt die richtige E-Mail. Die richtige Formulierung. Das richtige Gespräch.
Was bleibt, ist ein diffuses Unbehagen. Die Ahnung, dass es auch anders hätte sein können. Besser. Klarer. Passender.
Wenn Entscheidungen zu Prüfungen werden
Du stehst vor einer Wahl. Nicht zwischen richtig und falsch, sondern zwischen verschiedenen Möglichkeiten, die alle ihre Berechtigung haben. Trotzdem fühlst du dich wie in einer Prüfungssituation.
Weil du gelernt hast, dass Entscheidungen bewertet werden. Von anderen. Von dir selbst. Weil du weißt, dass du dir später vorwerfen wirst, nicht gründlich genug überlegt zu haben. Weil die Vorstellung, etwas könnte nicht optimal laufen, unerträglich ist.
Was passiert, ist: Du verlagerst die Verantwortung. Nicht mehr du triffst eine Wahl, sondern du versuchst herauszufinden, was die richtige Wahl wäre. Als gäbe es eine Wahrheit außerhalb von dir, die du nur noch entdecken musst.
Dabei ist das Gegenteil der Fall. Die Entscheidung ist erst dann eine Entscheidung, wenn du sie triffst. Nicht, weil sie richtig ist, sondern weil du dich für sie entscheidest.
Die Last der Perfektion
Es ist nicht so, dass Sorgfalt ein Problem wäre. Oder Genauigkeit. Oder der Wunsch, Dinge gut zu machen.
Das Problem beginnt, wenn der Anspruch an das Gute so hoch wird, dass er dich lähmt. Wenn die Vorstellung, etwas könnte nicht perfekt sein, dazu führt, dass du gar nicht erst anfängst. Wenn das Richtige so unerreichbar wirkt, dass du lieber nichts tust, als etwas zu tun, das möglicherweise nicht ausreicht.
Dann ist das Richtige nicht mehr ein Orientierungspunkt, sondern eine Falle.
Du weichst Gesprächen aus, weil du nicht weißt, was du sagen sollst. Du verschiebst Projekte, weil du noch nicht bereit bist. Du hältst dich zurück, weil du nicht sicher bist, ob deine Meinung tragfähig genug ist.
Was bleibt, ist Stille. Nicht die produktive Stille des Nachdenkens, sondern die Stille der Unsicherheit.
Wer urteilt hier eigentlich?
Interessant ist die Frage: Wessen Stimme hörst du, wenn du überlegst, ob etwas richtig ist?
Ist es deine eigene? Oder eine Stimme, die du internalisiert hast? Ein Lehrer, der früher gesagt hat, man müsse Dinge ordentlich machen. Ein Chef, der Fehler nicht akzeptiert hat. Eine Erwartung, die in deinem Umfeld herrscht, ohne je ausgesprochen worden zu sein.
Oft ist die Stimme gar nicht mehr identifizierbar. Sie ist einfach da. Eine Art ständiger Kommentar, der bewertet, ob das, was du tust, angemessen ist.
Aber wenn du genauer hinsiehst, merkst du: Diese Stimme ist nicht neutral. Sie operiert mit Maßstäben, die nicht deine sind. Sie vergleicht dich mit einem Standard, den du nicht selbst gesetzt hast.
Und sie lässt keinen Raum für das, was ist.
Was übrig bleibt
Wenn du aufhörst zu versuchen, alles richtig zu machen, passiert etwas Seltsames: Die Welt wird nicht chaotischer. Sie wird klarer.
Nicht weil du nachlässig wirst. Sondern weil du anfängst zu unterscheiden. Zwischen dem, was wirklich wichtig ist, und dem, was nur wichtig wirkt, weil du glaubst, dass es wichtig sein sollte.
Du schickst die E-Mail ab. Nicht perfekt. Aber ehrlich. Du triffst eine Entscheidung. Nicht optimal. Aber deine. Du sagst etwas im Gespräch. Nicht durchdacht bis ins Letzte. Aber aufrichtig.
Was verloren geht, ist die Illusion, dass es einen Zustand gibt, in dem alles stimmt. Was gewonnen wird, ist die Möglichkeit, überhaupt zu handeln.
Es gibt keinen Punkt, an dem du angekommen bist. Keinen Moment, in dem du sagen kannst: Jetzt ist es richtig. Was es gibt, ist das, was du tust. Und das, was daraus wird.
Das muss reichen.