Es gibt Menschen, die ihre Biografie wie eine durchkomponierte Geschichte erzählen können. Jeder Umweg erklärt sich aus einer Lektion, jeder Bruch wird zur notwendigen Wende, jedes Scheitern zur Vorstufe eines Erfolgs. Das klingt überzeugend. Manchmal zu überzeugend.
Die Frage ist nicht, ob diese Deutungen falsch sind. Die Frage ist, ob sie notwendig sind.
Narrative als Angebot, nicht als Pflicht
Ein Narrativ ordnet Ereignisse in einen Zusammenhang. Es macht aus einer Abfolge eine Geschichte, aus Zufällen Bedeutung, aus Brüchen Entwicklung. Das kann hilfreich sein. Es kann aber auch zur Falle werden.
Denn sobald du ein Narrativ übernimmst, übernimmst du auch dessen Logik. Du erklärst dich selbst durch eine Brille, die nicht unbedingt deine ist. Du deutest Erfahrungen um, damit sie ins Muster passen.
Die meisten Narrative kommen von außen. Sie werden angeboten von Kulturen, Milieus, Therapieschulen, Ratgeberliteratur. Sie versprechen Orientierung. Was sie oft liefern, ist eine vorgefertigte Schablone.
Die Tyrannei des Sinns
Es gibt eine stille Erwartung, dass dein Leben einen erkennbaren Bogen haben sollte. Dass du erzählen kannst, wie du zu dem geworden bist, der du bist. Dass du deine Entscheidungen rechtfertigen kannst, indem du sie in eine größere Geschichte einbettest.
Diese Erwartung ist nicht harmlos. Sie erzeugt Druck. Druck, aus allem etwas zu lernen. Druck, jede Krise als Chance zu deuten. Druck, dich selbst als Helden einer Geschichte zu inszenieren, in der es am Ende aufgeht.
Aber was, wenn es nicht aufgeht? Was, wenn manche Dinge einfach passiert sind, ohne tiefere Bedeutung? Was, wenn du keine überzeugende Erklärung hast, warum du bist, wie du bist?
Das Narrativ antwortet: Dann hast du noch nicht tief genug nachgedacht. Es gibt immer eine Geschichte. Du musst sie nur finden.
Diese Antwort ist bequem. Sie ist auch falsch.
Erfahrung vor Deutung
Du kannst dein Leben auch ohne durchgängige Erzählung führen. Du kannst Ereignisse als das nehmen, was sie sind: Ereignisse. Manche haben Folgen, andere nicht. Manche verstehst du sofort, andere nie. Manche ordnen sich später ein, andere bleiben isoliert.
Das ist keine Verweigerung von Sinn. Es ist eine Zurückhaltung gegenüber voreiligen Deutungen.
Narrative haben die Tendenz, sich zu verselbstständigen. Sie formen die Erinnerung, bis sie zur Geschichte passt. Sie lassen weg, was nicht passt. Sie betonen, was die Pointe stützt. Am Ende erinnerst du dich nicht mehr daran, was war, sondern an das, was du darüber erzählst.
Die Alternative ist nicht Verwirrung. Die Alternative ist eine nüchterne Haltung gegenüber dem, was geschehen ist. Du kannst wissen, was passiert ist, ohne es in eine Entwicklungslogik zu pressen.
Die Freiheit der Lücke
Manche Biografien haben Lücken. Jahre, die sich nicht erklären. Entscheidungen, die nicht in ein Muster passen. Phasen, die einfach nur waren, ohne Vorgeschichte und ohne Auflösung.
Diese Lücken sind oft ehrlicher als jede Geschichte, die man darüber erzählen könnte.
Es gibt keine Pflicht, dich selbst zu verstehen. Es gibt keine Pflicht, dein Leben zu erklären. Es gibt keine Pflicht, aus allem eine Lehre zu ziehen.
Du kannst auch einfach weitergehen. Nicht weil du weißt, wohin. Sondern weil das Leben weitergeht, ob du eine Geschichte darüber hast oder nicht.
Narrative als Option, nicht als Identität
Das heißt nicht, dass Narrative grundsätzlich falsch sind. Sie können Orientierung geben. Sie können helfen, Entscheidungen zu treffen. Sie können ein Gefühl von Kontinuität schaffen, wo keine ist.
Aber sie sollten nicht mit der Wirklichkeit verwechselt werden. Sie sind eine Deutung. Eine unter vielen möglichen. Und manchmal ist die beste Deutung, keine zu haben.
Es ist eine stille Form von Stärke, ohne Narrativ auszukommen. Zu wissen, was du erlebt hast, ohne es zu einer Geschichte machen zu müssen. Zu akzeptieren, dass manche Dinge keine Erklärung haben. Dass du nicht immer verstehen musst, warum etwas so gekommen ist.
Die meisten Narrative werden angeboten, nicht entdeckt. Sie kommen mit einer Absicht. Sie wollen etwas von dir. Sie wollen, dass du dich in eine bestimmte Richtung bewegst, dass du eine bestimmte Haltung einnimmst, dass du dich in eine Kategorie einordnest.
Du musst nicht.
Du kannst auch einfach schauen, was ist. Und dann entscheiden, was als Nächstes kommt. Ohne Geschichte. Ohne Bedeutung. Ohne großen Bogen.