Vor einem Weinregal mit dreihundert Sorten steht man länger als vor einem mit zehn. Das ist kein Zufall. Das Gehirn sucht nach Kriterien, die es nicht findet. Welcher Jahrgang, welche Region, welcher Preis ist der richtige? Die Frage ist nicht, ob man einen guten Wein findet. Die Frage ist, woran man das festmacht, wenn alles möglich ist.
Mehr Optionen sollten Freiheit bedeuten. Tatsächlich erzeugen sie oft das Gegenteil: Unsicherheit. Wo früher drei Berufe infrage kamen, sind es heute dreißig. Wo früher fünf Städte zum Leben denkbar waren, sind es heute fünfzig. Das klingt nach Fortschritt. Es fühlt sich aber häufig nach Überforderung an.
Das Verschwinden der Grenzen
Begrenzung war lange Zeit das, was Orientierung überhaupt erst möglich machte. Man wuchs in einem Dorf auf, lernte drei Berufe kennen, heiratete jemanden aus der Nachbarschaft. Das war nicht frei, aber es war klar. Die Entscheidung zwischen wenigen Optionen ist einfacher als die Entscheidung zwischen unbegrenzten. Nicht weil man unfähig wäre, sondern weil die Kriterien fehlen.
Heute fallen viele dieser äußeren Begrenzungen weg. Das ist zunächst einmal gut. Niemand sollte gezwungen sein, in dem Dorf zu bleiben, in dem er geboren wurde. Aber die neue Freiheit bringt ein neues Problem mit sich: Wo früher die Welt die Entscheidung einschränkte, muss man sie jetzt selbst treffen. Und dafür braucht man etwas, das vielen fehlt: innere Maßstäbe.
Wenn alles möglich ist, wird nichts klar
Überangebot funktioniert deshalb so destruktiv, weil es die Frage nach dem „Was will ich?“ durch die Frage nach dem „Was könnte ich?“ ersetzt. Man fragt nicht mehr: Welcher dieser drei Berufe passt zu mir? Man fragt: Gibt es nicht noch etwas Besseres? Die Antwort ist immer: vielleicht. Und genau das verhindert Klarheit.
Früher lag die Schwierigkeit in der Begrenzung. Heute liegt sie in der Unbegrenztheit. Wer aus zehn Studiengängen wählt, entscheidet sich. Wer aus tausend wählt, zweifelt. Nicht weil die Studiengänge schlechter wären, sondern weil die Zahl der Alternativen jede Entscheidung vorläufig macht. Man wählt nicht mehr, man verschiebt.
Das Problem der fehlenden Kriterien
Orientierung entsteht nicht durch Optionen, sondern durch Kriterien. Und Kriterien entstehen nicht durch Information, sondern durch Reflexion. Wer sich dreihundert Weine ansieht, wird nicht klarer, sondern verwirrter. Wer sich fragt, was ihm an Wein überhaupt wichtig ist, kommt weiter.
Aber genau das fällt schwer, wenn die Welt permanent neue Optionen anbietet. Die Frage „Was will ich?“ wird überlagert von der Frage „Was gibt es noch?“ Man vergleicht, statt zu entscheiden. Man sammelt Informationen, statt Klarheit zu schaffen. Und am Ende steht man wieder vor dem Regal und weiß nicht, was man nehmen soll.
Die Illusion der optimalen Wahl
Überangebot suggeriert, dass es eine perfekte Wahl gibt. Einen Wein, der besser ist als alle anderen. Einen Beruf, der genau passt. Eine Stadt, in der man wirklich glücklich wird. Das Problem ist: Diese Wahl existiert nicht. Sie ist eine Projektion. Man sucht nach etwas, das es nicht geben kann, weil Perfektion keine Eigenschaft von Dingen ist, sondern eine Erwartung.
Wo wenig Auswahl herrscht, akzeptiert man leichter, dass nichts perfekt ist. Man wählt das Beste von dem, was da ist, und macht etwas daraus. Wo unbegrenzte Auswahl herrscht, bleibt die Frage: Hätte es nicht doch etwas Besseres gegeben? Diese Frage hat keine Antwort. Sie hat nur die Wirkung, dass man nie ganz zufrieden ist mit dem, was man gewählt hat.
Orientierung durch Verzicht
Es gibt einen Ausweg, aber er ist unbequem: Verzicht. Nicht auf alles, aber auf die Illusion, alles prüfen zu müssen. Wer Orientierung will, muss die Zahl der Optionen reduzieren, die er überhaupt in Betracht zieht. Nicht weil die anderen schlecht wären, sondern weil Klarheit Begrenzung braucht.
Das bedeutet nicht, sich blind zu entscheiden. Es bedeutet, bewusst zu entscheiden, welche Optionen man ignoriert. Nicht alle Berufe sind relevant. Nicht alle Städte kommen infrage. Nicht alle Weine muss man vergleichen. Wer das akzeptiert, reduziert nicht seine Freiheit. Er erhöht seine Handlungsfähigkeit.
Kein Fortschritt ohne Reduktion
Überangebot ist keine Errungenschaft, wenn es Orientierung unmöglich macht. Mehr Optionen sind nur dann wertvoll, wenn man fähig ist, sie zu reduzieren. Sonst bleibt man stehen. Nicht weil man dumm wäre, sondern weil das Gehirn nicht für unbegrenzte Vergleiche gebaut ist.
Man kann nicht alles haben. Man kann nicht alles wissen. Man kann nicht alle Optionen prüfen. Und das ist auch nicht nötig. Was nötig ist: die Fähigkeit, zu entscheiden, was man weglässt.